Der Junge, der im Dunkeln sehen lernte – Zwei Männer sitzen in der Dämmerung am Dorfbrunnen und teilen ein Stück Brot

Der Junge, der im Dunkeln sehen lernte

Wer mag, hört beim Lesen: Es war einmal ein Junge, der wuchs in einem Haus auf, in dem das Licht nur selten bis auf den Boden fiel. Seine Hände waren noch klein, aber sie kannten schon das Zittern. Sein Rücken war noch weich, aber er wusste schon, wie man sich krümmt, wenn die Schritte vor der Tür schwer wurden. Und schlimmer als die Schläge, die man sah, waren die Sätze, die blieben. Sie zogen keine Grenze um das, was er tat – sie beschrieben, was er angeblich war: zu laut, zu wenig, verkehrt. ...

„Zfrieda muss ma si“ – Eine zufriedene Tischrunde mit der Oma im warmen Abendlicht

„Zfrieda muss ma si“ – Warum Zufriedenheit das Gegenteil von Stillstand ist

Vor Kurzem wurde in einem Forum die Frage nach der perfekten Welt gestellt. Wenn man die politischen Debatten unserer Tage verfolgt, klingt die Antwort darauf meistens nach mehr Tempo, mehr Wachstum, härteren Kanten oder dem nächsten großen Systemumbau. Meine Antwort fiel anders aus. Leiser. In meinem perfekten Dorf – einer Region, einem Land, einem Kontinent oder gar einer Welt – ist man vor allem eines: zufrieden. Meine Oma hat mir früher oft einen Satz gesagt, der mir bis heute im Ohr geblieben ist: „Zfrieda muss ma si.“ Zufrieden muss man sein. Sie gehörte einer Generation an, die wenig hatte und viel daraus machen musste. Doch in ihrem Satz lag keine Resignation und kein Sich-Abfinden mit Ungerechtigkeit. Darin lag die tiefe Weisheit, wann es genug ist – und welche Ruhe einkehrt, wenn man aufhört, ständig dem nächsten Mangel hinterherzujagen. ...

Gesellschaft · 28. Oktober 2026 · 3 Minuten · René Jochum
Der Narr – Ein Gleichnis über unsichtbare Rüstungen, Wölfe und die befreiende Kraft des Lachens

Der Narr

Wer mag, hört beim Lesen: In einem Dorf am Waldrand trugen alle unsichtbare Rüstungen aus Eisen. Wer stark sein wollte, zeigte keine Blöße. Nur einer machte nicht mit. Fragte man ihn, wer er sei, grinste er: „Ein Idiot und ein Narr – steht sogar in meinem Zeugnis.“ Dann lachte er, und die Leute gingen schnell weiter. Eines Tages hörte er im Wald ein Fiepen. Ein Wolfsjunges steckte in einer Dornenspalte. Es biss und kratzte ihn, als er es befreite. Er nahm es nicht persönlich, redete ruhig und zog es ins Moos. Der alte Leitwolf sah es von oben. ...

Gesellschaft · 24. Oktober 2026 · 2 Minuten · René Jochum
Die Kraft, über sich selbst drüberzustehen – Eine abgelegte eiserne Rüstung und ein Mikrofon auf einem Holztisch im warmen Fensterlicht

Die Kraft, über sich selbst drüberzustehen

Warum wir verstummen, wenn uns das Leben wehtut – und welche Freiheit darin liegt, die eigene Rüstung abzulegen. Schweigen kann im Extremfall lebensgefährlich sein. Es isoliert uns leise von innen heraus, nagt am Selbstvertrauen und kostet im schlimmsten Fall das Leben. Warum fällt es uns trotzdem oft so schwer, den Mund aufzumachen, wenn uns das Leben wehtut? Ohne Schuldzuweisung betrachtet, ist unser Schweigen eine alte Rüstung. Über Generationen – durch Kriege, Armut und den harten Wiederaufbau nach 1945 – galt eine eiserne Überlebensregel: Zusammenreißen und funktionieren. Unsere Vorfahren mussten ihren Schmerz wegpacken, um unseren heutigen Wohlstand aufzubauen. Ihr Schweigen war keine Kälte, sondern Notwendigkeit. ...

Gesellschaft · 23. Oktober 2026 · 4 Minuten · René Jochum
Uf a nand luaga – Sieben Haltungen für ein gemeinsames Österreich

Uf a nand luaga – Sieben Haltungen für ein gemeinsames Österreich

Hinweis: Mein persönliches Ideenkonstrukt für sieben Haltungen. Das hier ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine Vermutung – gewachsen aus historischen Beobachtungen, Gesprächen und Erfahrungen, die ich über die Jahre von überall her zusammengesammelt habe. Wer mag, hört beim Lesen: § 1 Gemeinsamkeit. In Zeiten des Mangels war der Rückzug in die eigene Gruppe überlebenswichtig; heute sitzen wir alle im selben Boot – egal ob jung oder alt, ob schon immer hier oder zugezogen. Statt in alte Abwehrreflexe von Spaltung und Gegeneinander zurückzufallen, nutzen wir das, was wir in Österreich über Generationen gelernt haben: Wir bringen unterschiedliche Interessen an einen Tisch, suchen den tragfähigen Kompromiss – und packen die Dinge gemeinsam an. ...

Politik · 22. Oktober 2026 · 9 Minuten · René Jochum
Die Hände, die nicht zu ihm gehören

Die Hände, die nicht zu ihm gehören

Ich denke an einen fiktiven Menschen. Er ist Pazifist — nicht weil er es gelesen hat, sondern weil er Gewalt erlebt hat und sie ablehnt. Er kommt aus einem Land, in dem Männer stark sind und keine Scham zeigen dürfen. Er flieht. Er kommt hier an. Er trägt etwas mit sich. Die Überzeugung, dass Frieden möglich ist, wenn jemand ihn anfängt. Er wollte hier beitragen. Nicht als Geste — weil er weiß, was passiert, wenn es niemand tut. Er hat gesehen, wohin Hass führt. Er wollte das Gegenteil leben. ...

Gesellschaft · 29. Mai 2026 · 3 Minuten · René Jochum
Die Narren, die aufeinander schauen und einander erkennen

Die Narren, die aufeinander schauen und einander erkennen

Wer mag, hört beim Lesen: Der Narr ist eine der ältesten Figuren der Menschheit. Er trägt viele Namen — Schamane, Derwisch, Mystiker, Hofnarr. Was ihn verbindet: eine innere Freiheit, die äußere Verhältnisse überdauert. Er sieht anders und spricht aus, was andere verschweigen. Er ist unkäuflich. Der Narr kennt das Wort Nein — zu sich und zu anderen. Seine Verwirrung ist sein Rohmaterial. Seine Klarheit, das Ergebnis. ...

Gesellschaft · 25. Mai 2026 · 2 Minuten · René Jochum
Land der Masse – Wenn eine Gesellschaft aufhört, aufeinander zu schauen

Land der Masse – Wenn eine Gesellschaft aufhört, aufeinander zu schauen

Ehrlicher Hinweis vorab: Ich lebe nicht in den USA und habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie sich der Alltag dort vor Ort wirklich anfühlt. Dieser Text ist eine reine Betrachtung aus der Ferne – anhand von Medienbildern, die mich beschäftigt haben – und vor allem ein Gedanke darüber, warum unser sozialer Frieden hier bei uns so kostbar ist. Beim Korrespondentendinner in Washington saß ein älterer Herr ruhig aufrecht und aß seine Burrata. Draußen Schüsse, drinnen Panik. Er blieb sitzen. Schlechter Rücken, sagte er hinterher trocken. Neuer Smoking, schmutziger Boden. ...

Politik · 28. April 2026 · 3 Minuten · René Jochum

Zwei Griffe und ein Verstärker - Die verstorbene Punk-Szene Vorarlbergs

Dieser Artikel geht an einen fast vergessenen Anfang zurück — an den Moment, wo Rebellion in Vorarlberg tatsächlich passiert ist. Kurz. Laut. Und dann war es vorbei. Feldkirch, 1977: Zwei Wochen bis zum ersten Konzert Ende 1977 taten sich im Jugendhaus Graf Hugo in Feldkirch ein paar Jugendliche zusammen. Galle, Franz, Slaughter und Chy — vier Typen, die vom Punk in England gehört hatten, über das deutsche Magazin Sounds und, ja, die Bravo. Die Initialzündung kam nicht aus Wien, nicht aus Innsbruck und schon gar nicht aus irgendeiner österreichischen Institution. Sie kam aus einem Zürcher DIY-Fanzine namens „No Fun", herausgegeben von Peter Wittwer und Martin Byland. Darin stand ein Satz aus einer englischen Punk-Zeitschrift: „Buy a guitar, learn a C, learn a D, learn a E and join a band." ...

Gesellschaft · 7. März 2026 · 7 Minuten · René Jochum

Vom Geringsten zum Niemand — Über die unsichtbaren Schäden des Schubladendenkens

Wir sortieren Menschen. Täglich, unbewusst, in Sekundenbruchteilen. Obdachlos. Arbeitslos. Süchtig. Gescheitert. Die Schublade geht auf, der Mensch geht rein, die Schublade geht zu. Was drin ist, sehen wir nicht mehr — wir sehen nur noch das Etikett. Was die Schublade mit dem Menschen macht Wer klassifiziert wird, verliert zuerst seinen Namen. Nicht den auf dem Ausweis — den inneren. Den Namen, der sagt: Ich bin jemand. Ich habe eine Geschichte. Ich habe etwas beigetragen. ...

Gesellschaft · 6. März 2026 · 2 Minuten · René Jochum