Der Junge, der im Dunkeln sehen lernte – Zwei Männer sitzen in der Dämmerung am Dorfbrunnen und teilen ein Stück Brot

Der Junge, der im Dunkeln sehen lernte

Wer mag, hört beim Lesen: Es war einmal ein Junge, der wuchs in einem Haus auf, in dem das Licht nur selten bis auf den Boden fiel. Seine Hände waren noch klein, aber sie kannten schon das Zittern. Sein Rücken war noch weich, aber er wusste schon, wie man sich krümmt, wenn die Schritte vor der Tür schwer wurden. Und schlimmer als die Schläge, die man sah, waren die Sätze, die blieben. Sie zogen keine Grenze um das, was er tat – sie beschrieben, was er angeblich war: zu laut, zu wenig, verkehrt. ...

Der Griesgram, der keiner sein wollte – Ein alter Mann auf einer Holzbank legt seine kalten Hände auf ein warmes Brot

Der Griesgram, der keiner sein wollte

Es war einmal ein Mann, um den machten die Leute im Dorf einen Bogen. Sie nannten ihn den Griesgram. Wenn Kinder an seinem Gartenzaun vorbeiliefen, wurden sie leise, und wenn ihn jemand auf der Straße grüßte, kam höchstens ein knappes Brummen zurück. Sein Blick suchte immer zuerst das, was schiefstand, was lärmte oder was kaputtgehen konnte. Was im Dorf niemand wusste: Der Mann wollte gar nicht so sein. Sein ganzes Ziel, sein einziger Anker in den dunklen Jahren war die Erinnerung an seine verstorbene Frau. Sie war das genaue Gegenteil von ihm gewesen – ein Mensch voller Fröhlichkeit, der selbst im Kleinsten noch einen Grund zur Freude fand. So wie sie wollte er sein. Freundlich. Ein offener Teil des Dorfes. Doch das Leben hatte ihm über die Jahre zu viel genommen, und jeder Schicksalsschlag hatte sich wie eine dicke Kruste um sein Herz gelegt. Je mehr er sich zwang, so leicht und herzlich wie sie zu sein, desto schmerzhafter spürte er sein eigenes Scheitern. Seine Strenge nach außen war längst zu einer unerbittlichen Härte gegen sich selbst geworden. ...

Gesellschaft · 27. Oktober 2026 · 3 Minuten · René Jochum
Die Zukunft ist ihm unbekannt, die Hoffnung nicht – Ein Wanderer im dunklen Stollen mit Blick auf das Licht am Ende des Tunnels

Die Zukunft ist ihm unbekannt, die Hoffnung nicht

Hinter ihm gab der Berg nach. Ein tiefes Grollen, ein Schlag, dann Staub, der ihm den Atem nahm. Als es wieder still wurde, lag hinter dem Wanderer eine Wand aus Fels und Ton. Das Tal, aus dem er gekommen war – das Bekannte, das Schöne, das Vertraute –, war verschüttet. Der Weg zurück existierte nicht mehr. Er stand im alten Stollen. Es war kalt. Unter seinen Schuhen lag scharfes Geröll, das der Einsturz aus der Decke gebrochen hatte. Über ihm, im unsichtbaren Gewölbe, raschelte und fiepte es. Fledermäuse, aufgeschreckt aus ihrem Schlaf, schossen dicht an seinem Gesicht vorbei durch die Finsternis. ...

Die Augen der Barmherzigen – Ein alter Mann mit gütigen, leuchtenden Augen und ein wilder Junge bei den Tieren am Waldrand

Die Augen der Barmherzigen

Es war einmal ein Junge, in dem brannte ein unruhiges Feuer. Im Dorf wusste niemand wohin mit ihm. Er lief zu schnell, er fragte zu viel, er passte auf keinen Stuhl. Wo immer er hinkam, traf er auf Blicke, die ihn kleinhielten. „Sitz gerade“, sagten die Augen des Lehrers. „Reiß dich zusammen“, sagten die Augen der Nachbarn. Je strenger sie schauten, desto wilder schlug das Herz des Jungen um sich. ...

Gesellschaft · 25. Oktober 2026 · 3 Minuten · René Jochum
Der Narr – Ein Gleichnis über unsichtbare Rüstungen, Wölfe und die befreiende Kraft des Lachens

Der Narr

Wer mag, hört beim Lesen: In einem Dorf am Waldrand trugen alle unsichtbare Rüstungen aus Eisen. Wer stark sein wollte, zeigte keine Blöße. Nur einer machte nicht mit. Fragte man ihn, wer er sei, grinste er: „Ein Idiot und ein Narr – steht sogar in meinem Zeugnis.“ Dann lachte er, und die Leute gingen schnell weiter. Eines Tages hörte er im Wald ein Fiepen. Ein Wolfsjunges steckte in einer Dornenspalte. Es biss und kratzte ihn, als er es befreite. Er nahm es nicht persönlich, redete ruhig und zog es ins Moos. Der alte Leitwolf sah es von oben. ...

Gesellschaft · 24. Oktober 2026 · 2 Minuten · René Jochum
Der Mann, der alles verlor und zweifach zurückbekam

Der Mann, der alles verlor und zweifach zurückbekam

Es war einmal ein Mann, der war gut. Untadelig und rechtschaffen, einer, der das Böse mied. Er war gut, wie ein Stein still ist — von Geburt an, ohne dass er je gewählt hätte. Da kamen die bösen Kräfte. Sie nahmen ihm zuerst das Außen: den Besitz und die Menschen, die er liebte. Dann griffen sie nach innen, nach dem Leib und dem Schlaf. Sie wollten wissen, ob das Gute hielte, wenn man ihm den Boden wegzog. ...

Das schwarze Schaf mit dem Kübel

Das schwarze Schaf mit dem Kübel

Es war einmal ein schwarzes Schaf. Es lebte in einem Dorf voller Schafe und trug einen Kübel mit sich. Einen Dreckkübel. Alles, was es sich nicht erlaubt hatte zu sein, alles, was das Dorf nicht sehen wollte, lag darin. Es konnte den Kübel nicht abstellen. Eine Zeit lang dachte das Schaf daran, den Kübel auszukippen. Über die anderen. Sie sollten auch schwarz werden, dachte es, dann wäre es nicht mehr allein. Es stellte sich Nächte vor, in denen es durchs Dorf zog und Farbe verspritzte. Der Gedanke wärmte und vergiftete zugleich. ...