Der Griesgram, der keiner sein wollte – Ein alter Mann auf einer Holzbank legt seine kalten Hände auf ein warmes Brot

Der Griesgram, der keiner sein wollte

Es war einmal ein Mann, um den machten die Leute im Dorf einen Bogen. Sie nannten ihn den Griesgram. Wenn Kinder an seinem Gartenzaun vorbeiliefen, wurden sie leise, und wenn ihn jemand auf der Straße grüßte, kam höchstens ein knappes Brummen zurück. Sein Blick suchte immer zuerst das, was schiefstand, was lärmte oder was kaputtgehen konnte. Was im Dorf niemand wusste: Der Mann wollte gar nicht so sein. Sein ganzes Ziel, sein einziger Anker in den dunklen Jahren war die Erinnerung an seine verstorbene Frau. Sie war das genaue Gegenteil von ihm gewesen – ein Mensch voller Fröhlichkeit, der selbst im Kleinsten noch einen Grund zur Freude fand. So wie sie wollte er sein. Freundlich. Ein offener Teil des Dorfes. Doch das Leben hatte ihm über die Jahre zu viel genommen, und jeder Schicksalsschlag hatte sich wie eine dicke Kruste um sein Herz gelegt. Je mehr er sich zwang, so leicht und herzlich wie sie zu sein, desto schmerzhafter spürte er sein eigenes Scheitern. Seine Strenge nach außen war längst zu einer unerbittlichen Härte gegen sich selbst geworden. ...

Gesellschaft · 27. Oktober 2026 · 3 Minuten · René Jochum
Der Narr – Ein Gleichnis über unsichtbare Rüstungen, Wölfe und die befreiende Kraft des Lachens

Der Narr

Wer mag, hört beim Lesen: In einem Dorf am Waldrand trugen alle unsichtbare Rüstungen aus Eisen. Wer stark sein wollte, zeigte keine Blöße. Nur einer machte nicht mit. Fragte man ihn, wer er sei, grinste er: „Ein Idiot und ein Narr – steht sogar in meinem Zeugnis.“ Dann lachte er, und die Leute gingen schnell weiter. Eines Tages hörte er im Wald ein Fiepen. Ein Wolfsjunges steckte in einer Dornenspalte. Es biss und kratzte ihn, als er es befreite. Er nahm es nicht persönlich, redete ruhig und zog es ins Moos. Der alte Leitwolf sah es von oben. ...

Gesellschaft · 24. Oktober 2026 · 2 Minuten · René Jochum
Das schwarze Schaf mit dem Kübel

Das schwarze Schaf mit dem Kübel

Es war einmal ein schwarzes Schaf. Es lebte in einem Dorf voller Schafe und trug einen Kübel mit sich. Einen Dreckkübel. Alles, was es sich nicht erlaubt hatte zu sein, alles, was das Dorf nicht sehen wollte, lag darin. Es konnte den Kübel nicht abstellen. Eine Zeit lang dachte das Schaf daran, den Kübel auszukippen. Über die anderen. Sie sollten auch schwarz werden, dachte es, dann wäre es nicht mehr allein. Es stellte sich Nächte vor, in denen es durchs Dorf zog und Farbe verspritzte. Der Gedanke wärmte und vergiftete zugleich. ...

Die Narren, die aufeinander schauen und einander erkennen

Die Narren, die aufeinander schauen und einander erkennen

Wer mag, hört beim Lesen: Der Narr ist eine der ältesten Figuren der Menschheit. Er trägt viele Namen — Schamane, Derwisch, Mystiker, Hofnarr. Was ihn verbindet: eine innere Freiheit, die äußere Verhältnisse überdauert. Er sieht anders und spricht aus, was andere verschweigen. Er ist unkäuflich. Der Narr kennt das Wort Nein — zu sich und zu anderen. Seine Verwirrung ist sein Rohmaterial. Seine Klarheit, das Ergebnis. ...

Gesellschaft · 25. Mai 2026 · 2 Minuten · René Jochum

Ein Indianer kennt kein Schmerz

Ein Satz den jeder kennt. Den wir als Kinder gehört haben wenn wir hingefallen sind, wenn wir geweint haben, wenn wir Angst hatten. Steh auf. Stell dich nicht so an. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Ich streiche das „KEIN". Nicht weil ich den Satz zerstören will — sondern weil er falsch rum ist. Ein Indianer kennt Schmerz. Genau das macht ihn stark. Die Wunden Stell dir vor du kommst von der Jagd zurück. Es lief nicht gut. Du trägst Wunden. Echte, nicht metaphorische — wobei die metaphorischen genauso wehtun. Kindheit, Verlust, Einsamkeit. Menschen die gegangen sind. Menschen die hätten bleiben sollen. Dinge die passiert sind und Dinge die hätten passieren müssen aber nicht passiert sind. Vertrauen das gebrochen wurde. Würde die abgesprochen wurde. Trauer die nie einen Platz hatte. ...

Kuschen benennen

Jemand sagt Ja und meint Nein. Das passiert ständig – in Meetings, in Therapiegruppen, am Küchentisch. Ich nenne es Kuschen. Und ich lerne immer mehr, es zu benennen. Was Kuschen ist Kuschen ist nicht Zuhören. Nicht Nachdenken. Nicht Zurückhaltung. Kuschen ist Zustimmung ohne Überzeugung – performativ, automatisch, konfliktscheu. Der Mund sagt Ja, der Körper sagt was anderes. In der Suchttherapie begegnet dir das ständig. Ich habe es als Klient gelernt – an mir selbst und in Gesprächen mit anderen Klienten. Jemand sitzt in der Gruppe, nickt, sagt: „Ja, stimmt.“ Klingt nach Einsicht. Ist Anpassung. Und alle arbeiten ab diesem Moment mit falschen Daten. ...