Die Augen der Barmherzigen – Ein alter Mann mit gütigen, leuchtenden Augen und ein wilder Junge bei den Tieren am Waldrand

Die Augen der Barmherzigen

Es war einmal ein Junge, in dem brannte ein unruhiges Feuer. Im Dorf wusste niemand wohin mit ihm. Er lief zu schnell, er fragte zu viel, er passte auf keinen Stuhl. Wo immer er hinkam, traf er auf Blicke, die ihn kleinhielten. „Sitz gerade“, sagten die Augen des Lehrers. „Reiß dich zusammen“, sagten die Augen der Nachbarn. Je strenger sie schauten, desto wilder schlug das Herz des Jungen um sich. ...

Gesellschaft · 25. Oktober 2026 · 3 Minuten · René Jochum
Der Narr – Ein Gleichnis über unsichtbare Rüstungen, Wölfe und die befreiende Kraft des Lachens

Der Narr

Wer mag, hört beim Lesen: In einem Dorf am Waldrand trugen alle unsichtbare Rüstungen aus Eisen. Wer stark sein wollte, zeigte keine Blöße. Nur einer machte nicht mit. Fragte man ihn, wer er sei, grinste er: „Ein Idiot und ein Narr – steht sogar in meinem Zeugnis.“ Dann lachte er, und die Leute gingen schnell weiter. Eines Tages hörte er im Wald ein Fiepen. Ein Wolfsjunges steckte in einer Dornenspalte. Es biss und kratzte ihn, als er es befreite. Er nahm es nicht persönlich, redete ruhig und zog es ins Moos. Der alte Leitwolf sah es von oben. ...

Gesellschaft · 24. Oktober 2026 · 2 Minuten · René Jochum
Das schwarze Schaf mit dem Kübel

Das schwarze Schaf mit dem Kübel

Es war einmal ein schwarzes Schaf. Es lebte in einem Dorf voller Schafe und trug einen Kübel mit sich. Einen Dreckkübel. Alles, was es sich nicht erlaubt hatte zu sein, alles, was das Dorf nicht sehen wollte, lag darin. Es konnte den Kübel nicht abstellen. Eine Zeit lang dachte das Schaf daran, den Kübel auszukippen. Über die anderen. Sie sollten auch schwarz werden, dachte es, dann wäre es nicht mehr allein. Es stellte sich Nächte vor, in denen es durchs Dorf zog und Farbe verspritzte. Der Gedanke wärmte und vergiftete zugleich. ...

Mein Weg zum authentischen Selbst

Der Mensch will gut sein. Der Kompass sitzt im Herzen. Der Sensible besonders. Er will nicht verletzen — und genau das macht ihn klein. Er schluckt, er passt sich an, er wartet. Dabei ist das Gegenteil wahr: wer keine Grenzen setzt, ist nicht authentisch. Er ist nur höflich. Grenzen setzen braucht den Schatten. Wer nur sein Licht kennt, kann kein Nein sagen — denn das Nein kommt aus dem dunklen Teil, dem der auch kämpfen kann, der auch schützen kann. Den eigenen Schatten kennenlernen und erlauben ist keine Niederlage. Es ist die Voraussetzung für echte Grenzen. Und für echte Authentizität. ...

Kuschen benennen

Jemand sagt Ja und meint Nein. Das passiert ständig – in Meetings, in Therapiegruppen, am Küchentisch. Ich nenne es Kuschen. Und ich lerne immer mehr, es zu benennen. Was Kuschen ist Kuschen ist nicht Zuhören. Nicht Nachdenken. Nicht Zurückhaltung. Kuschen ist Zustimmung ohne Überzeugung – performativ, automatisch, konfliktscheu. Der Mund sagt Ja, der Körper sagt was anderes. In der Suchttherapie begegnet dir das ständig. Ich habe es als Klient gelernt – an mir selbst und in Gesprächen mit anderen Klienten. Jemand sitzt in der Gruppe, nickt, sagt: „Ja, stimmt.“ Klingt nach Einsicht. Ist Anpassung. Und alle arbeiten ab diesem Moment mit falschen Daten. ...