Wer mag, der hört beim Lesen:


Man kann über Vertrauen tausend Bücher lesen, darüber diskutieren oder versuchen, es sich im Kopf vernünftig zurechtzulegen. Im Alltag sind wir es gewohnt, in Sicherheiten, Logik und Kontrolle zu denken. Wir bauen uns Schutzmauern auf, damit das Leben berechenbar bleibt. Aber was Urvertrauen wirklich bedeutet, begreift man nicht durch Nachdenken. Man begreift es erst in dem Moment, in dem alle gewohnten Rollen und Sicherheiten einmal komplett wegfallen.

Bei mir geschah das an einem Ort, an dem mich hier in Vorarlberg manche wahrscheinlich gar nicht vermuten würden: in einer Moschee, nach einem langen Gebet um Leere und Füllung – darum, dass mein eigenes Ego leer wird und stattdessen seine Güte einzieht. Leeres Ego, volle Güte.

Mitten in dieser Stille, als das eigene Wollen endlich Platz machte, war da kein strenger Richter, kein Urteil und keine Kälte. Ich fühlte mich bei Allah wie im Mutterleib – schwebend, umsorgt, geliebt. Im Arabischen gibt es für genau diese Erfahrung zwei eng verwandte Namen aus den 99 schönen Namen Allahs, die mir seitdem im Herzen geblieben sind: ٱلرَّحْمَـٰنُ (Ar-Raḥmān – der Allerbarmende) und ٱلرَّحِيمُ (Ar-Raḥīm – der Barmherzige).

In beiden steckt sprachlich dieselbe Wurzel wie das Wort für den Mutterleib (raḥim). Während Ar-Raḥīm die barmherzige Zuwendung im konkreten Handeln beschreibt, steht Ar-Raḥmān für das Wesen der Quelle selbst: eine allumfassende Barmherzigkeit, die allem Geschaffenen ohne Vorbedingung gilt. Keine Gnade von oben herab, die man sich erst brav verdienen müsste, sondern ein ursprüngliches Geborgensein – das unmittelbare Wissen, vollkommen gemeint, gehalten und angenommen zu sein, ohne jede Vorleistung.

Und dieses Geborgensein blieb dort kein bloßes Wort. Ein Bruder sagte einfach zu mir: „Komm bitte morgen wieder.“ In dieser Moschee darf ich sein wie bei Mama – und darf mich wie bei Mama an Regeln halten.


Wer so etwas erlebt, kehrt danach trotzdem nicht einfach als fertiger, erleuchteter Mensch in den Alltag zurück. Im Gegenteil.

Zuerst lag über allem noch lange der dichte Schleier von Schock, Ausnahmezustand und Krise. Das Erlebte war riesig, das eigene Leben gleichzeitig voller Scherben, die erst sortiert werden mussten.

Erst später, als dieser Schleier langsam zurückwich, trat das wieder ruhig und klar hervor, was darunter die ganze Zeit gewartet hatte: Das Geborgensein aus jenem Gebet war kein flüchtiger Traum gewesen. Es war realer als die Angst.


Eine solche Erfahrung zu machen ist das eine. Sie in ein ganz normales, geerdetes Leben zu übersetzen, ist die eigentliche Arbeit.

Denn ein einzelner großer Moment trägt dich noch nicht automatisch durch einen grauen Dienstagvormittag, durch menschliche Enttäuschungen, durch Selbstzweifel oder alte Schatten. Dieses Urvertrauen musste erst Schritt für Schritt in meinen Alltag sinken – einfach und ohne großes spirituelles Theater:

  • Barmherzigkeit nach innen lernen: Wenn diese Quelle (Ar-Raḥmān) bedingungslos barmherzig ist, warum gehe ich selbst dann oft noch so hart mit mir ins Gericht? Oft fällt es uns leicht, anderen in ihrer Zerbrechlichkeit beizustehen, während wir mit uns selbst gnadenlos sind. Urvertrauen zu leben hieß zuerst, diese Milde (Ar-Raḥīm) auch gegen mich selbst zuzulassen: zu meinen Ecken, Kanten und Fehlern zu stehen, ohne meinen Wert als Mensch infrage zu stellen.
  • Vertrauen in den eigenen Kompass: Mit dem Urvertrauen wuchs die stille Gewissheit, dass mein innerer Kompass stimmt. Man hört auf, jedes eigene Gefühl aus Unsicherheit zu zerdenken oder ständig im Außen nach Bestätigung zu suchen. Wenn das Fundament trägt, braucht es keine komplizierten Gedankengebäude mehr. Es darf einfach und klar sein.
  • Weniger Klammern, weniger Kontrolle: Wer tief in sich weiß, dass da ein Boden ist, der hält, muss das Leben nicht mehr im Würgegriff festhalten. „Zfrieda muss ma si.“ Lange habe ich das nur als Bescheidenheit gehört. Heute weiß ich, welch tiefes Urvertrauen darin liegt: im Frieden zu sein mit dem, was ist. Die Angst verschwindet nicht über Nacht, aber sie verliert ihren scharfen Biss.
  • Das Geborgensein im Kleinen wiedererkennen: Mit der Zeit hörte dieses Gefühl auf, nur die Erinnerung an einen Ausnahmemoment zu sein. Es wurde leiser, geerdeter und alltagstauglich. Ich spüre es heute, wenn ich draußen durch die Nachbarschaft rolle, in der Stille auf einer Bank, in einem ehrlichen Gespräch bei einer Tasse Kaffee oder beim gemeinsamen Lachen am Küchentisch.

Urvertrauen passt in keine Schublade und gehört keiner Institution allein. Für mich hat es in ٱلرَّحْمَـٰنُ (Ar-Raḥmān) seinen Ausdruck gefunden: als das stille, gewachsene Wissen, dass unter all unserem Lärm, unseren Ängsten und unseren Schatten eine barmherzige Quelle liegt, die uns nicht fallen lässt.


Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.