Ich habe vor vielen Jahren im Religionsunterricht einmal einen Vortrag über die Zehn Gebote gehalten. Damals hatte ich die „Hoffnung für alle“-Übersetzung (HFA) in der Hand – und schon damals ging es mir vor allem darum, was diese alten Sätze uns im echten Leben eigentlich bringen, im Guten für uns selbst und für das Miteinander. Und natürlich durfte ganz am Schluss mein 11. Gebot nicht fehlen – als kleiner Scherz mit ernstem Hintergrund.

Heute, viele Jahre und einige Erfahrungen später, schaue ich noch einmal neu darauf. Wenn man den Staub der Moralpredigten wegpustet und auf den hebräischen Urtext schaut, merkt man: Dort steht gar nichts von „Zehn Geboten“ oder einem strengen Strafgesetzbuch. Dort steht Aseret ha-Dibrot – die „Zehn Worte“.

Die Sprachform im Hebräischen lässt sich als „Du wirst nicht…“ lesen. Viele verstehen sie deshalb nicht als bloßen Befehl, der den Menschen klein halten will, sondern als Zusage – und genau so lese ich sie heute: als Wegweiser, wie befreite Menschen leben, damit sie nicht wieder in neue Abhängigkeiten fallen. Genau das Prinzip, das ich auch sonst im Leben und in meiner Arbeit schätze: Vorgaben außen, Freiheit innen. Ein Schutzraum für den Einzelnen und für die Gemeinschaft.

Und hier ist die Auflistung – der hebräische Kerngedanke frei übertragen und meine Gedanken dazu, so ähnlich wie damals im Religionsunterricht:


1. Das Fundament

„Ich bin der Ewige, der dich aus dem Sklavenhaus geführt hat – du wirst keine anderen Götter neben mir brauchen.“

Bevor irgendeine Regel kommt, steht die Befreiung: Wer nichts Irdisches wie Geld, Macht oder Status zum „Gott“ macht, bleibt innerlich frei und schützt die Gesellschaft vor blinder Unterwerfung.

2. Keine starren Bilder

„Du wirst dir kein starres Bildnis machen.“

Für mich heißt das auch, weder Gott noch den Nächsten in eine fertige Schublade zu stecken.

3. Das Heilige nicht missbrauchen

„Du wirst den Namen des Höchsten nicht für Hohles und Falsches vor dir hertragen.“

Niemand darf Religion oder Moral als hohes Ross benutzen, um sich über andere zu stellen oder Menschen für eigene Zwecke zu manipulieren.

4. Der Ruhetag (Schabbat)

„Halte inne am siebten Tag – du, deine Leute, der Fremde und dein Tier.“

In der Antike hatten Sklaven und Tagelöhner keinen einzigen freien Tag im Leben. Dieses Wort zieht der Ausbeutung eine harte Grenze: Dein Wert als Mensch bemisst sich nicht daran, wie viel du leistest. Einmal pro Woche steht das Räderwerk für alle still. Du darfst den Apparat weglegen, aufhören zu funktionieren und einfach nur sein – und Arm und Reich stehen an diesem Tag auf exakt derselben Stufe der Würde.

5. Den Wurzeln Gewicht geben

„Gib deinem Vater und deiner Mutter Gewicht (Kabed).“

Im Hebräischen steht hier nicht „blind gehorchen“ oder „kuschen“, sondern kabed – „Gewicht beimessen“. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Es heißt nicht, alles gutzuheißen, was in der eigenen Kindheit geschehen ist. Aber es lädt dazu ein, die eigene Herkunft und die Last der Generationen davor ehrlich anzuschauen, statt ein Leben lang in der Anklage stecken zu bleiben. Wer seinen eigenen Frieden mit den Wurzeln findet, steht fest im Boden – und hält auch im Großen die Generationen zusammen.

6. Nicht morden

„Du wirst nicht morden.“

Im Urtext geht es um das Auslöschen von unschuldigem Leben – und in einer Dehnung, die ich für mich bewusst wage, fängt das schon dort an, wo man einem Menschen durch öffentliche Beschämung oder Rufmord die Würde nimmt.

7. Vertrauen nicht verraten

„Du wirst den engsten Bund der Treue nicht brechen.“

8. Niemanden ausbeuten

„Du wirst niemandem die Freiheit, die Würde oder das Vertrauen stehlen.“

9. Kein falsches Etikett aufkleben

„Du wirst nicht als Lügenzeuge gegen deinen Nächsten aussagen.“

Ein Satz aus dem Gerichtssaal: Er schützt den Einzelnen davor, durch Gerüchte oder falsche Anschuldigungen lebenslang abgestempelt zu werden.

10. Nicht nach dem Leben des Nächsten greifen

„Du wirst keine Pläne schmieden, um dir anzueignen, was deines Nächsten ist.“

Hier geht es nicht um einen kurzen neidischen Gedanken, sondern um die Gier, die dem anderen etwas wegnehmen will – wer bei sich bleibt, vergiftet sich nicht das eigene Glück und gönnt dem Nachbarn das seine.


Und zum Schluss: Das 11. Gebot

„Lass dich nicht erwischen.“

Im Religionsunterricht war das damals der Lacher am Ende, aber für mich steckt da echte Lebenserfahrung drin. Das heißt nicht: Schuld ist egal, solange sie keiner sieht. Es heißt: Selbst die besten zehn Gebote dürfen den Menschen nicht gläsern machen. Jeder braucht einen Bereich, der nur ihm allein gehört.


Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.