Vorarlberg war lange Zeit ein bitterarmes Land. Ein Land, das seine eigenen Kinder als Schwabenkinder über die Berge in die Fremde schicken musste, weil es daheim nicht für alle gereicht hat.

Heute schauen wir auf saubere Gemeinden, starke Betriebe im Rheintal und im Walgau, Kraftwerke in den Bergen und einen Wohlstand, um den uns viele beneiden. Und oft tun wir so, als wäre das alles ganz selbstverständlich aus dem Boden gewachsen – nur durch unseren eigenen Fleiß.

Dass aus dem armen Land hinter dem Arlberg das heutige Vorarlberg geworden ist, verdanken wir auch jenen, die zu uns gekommen sind, als wir Hände gebraucht haben. Und denen wir es am Anfang oft alles andere als leicht gemacht haben.

Danke an die „Wälschen“ aus dem Trentino, die schon Ende des 19. Jahrhunderts über die Berge kamen. Ihr habt an der Arlbergbahn mitgebaut, unsere Wildbäche verbaut und in den ersten großen Textilfabriken in Bludenz, Feldkirch und Dornbirn gestanden. Man hat euch in eigene Siedlungen gesteckt und jahrzehntelang schief angeschaut – heute tragen tausende stolze Vorarlberger Familien eure Namen.

Danke an die Steirer und Kärntner, die nach dem Krieg ihre Heimat verließen, um im Montafon an den großen Staudämmen der Illwerke zu schuften oder im Rheintal an den Webstühlen und Maschinen zu stehen. Ihr habt in Baracken geschlafen, den Dialekt gewechselt, das Heimweh heruntergeschluckt und dieses Land Stein für Stein mitaufgebaut.

Danke an die erste Generation der „Gastarbeiter“ aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien. Man hat euch in den 60er- und 70er-Jahren gerufen, weil die Maschinen bei Hämmerle, Getzner, Benger oder Zumtobel ohne euch stillgestanden wären. Man hat euch „Gäste“ genannt, obwohl ihr ein ganzes Arbeitsleben lang geblieben seid. Ihr habt im Schichtbetrieb geschwitzt, die schwerste und schmutzigste Arbeit gemacht, in den Altbauwohnungen gelebt, die sonst keiner wollte, und jeden Schilling zweimal umgedreht, damit es eure Kinder einmal besser haben. Ihr habt geschwiegen, wenn am Stammtisch über „die Ausländer“ geredet wurde – und seid am nächsten Morgen um fünf Uhr früh wieder an der Maschine gestanden.

Ihr alle seid nicht mit leeren Händen gekommen. Ihr habt eure Kraft, eure Gesundheit, eure Jugend und eure Geduld in diesen Boden gesteckt.

Und wir? Wir haben eure Leistung als selbstverständlich hingenommen und euch das Gefühl gegeben, ihr müsstet dankbar sein, dass ihr hier arbeiten durftet. Das war falsch herum.

Heute drehen wir es um:

Wir sagen euch Danke. Danke für eure Arbeit. Danke für eure Geduld mit unserer oft schroffen Art. Danke, dass ihr geblieben seid und dieses Land zu eurer und unserer gemeinsamen Heimat gemacht habt. Ohne euch wäre Vorarlberg heute nicht das, was es ist.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat es vor wenigen Tagen in seiner Rede zum Nationalfeiertag auf den Punkt gebracht: Österreich war immer schon ein Ort der Begegnung, in dem die unterschiedlichsten Sprachen, Dialekte und Wurzeln aufeinandertrafen. Wenn wir ehrlich in unsere eigenen Familiengeschichten schauen, sehen wir: Dieses Land ist nicht durch Abschottung oder das Spalten in „wertvoll“ und „wertlos“ stark geworden, sondern durch die Bereitschaft, den ersten Schritt aufeinander zuzugehen, gute Kompromisse zu finden und uns selbst im anderen zu erkennen.

Dieser Dank endet deshalb nicht als Rückblick. Aus ihm folgt ein Maßstab für heute und morgen: Lassen wir uns nicht einreden, dass nur gewisse Menschen das „wahre Volk“ sind. Es zählt nicht, woher jemand kommt, wen er liebt, woran er glaubt oder wie sein Nachname klingt. Wer dieses Land achtet, unsere Regeln und Grundrechte teilt und Teil unserer Gemeinschaft wird, der ist kein Gast. Der gehört zu uns. Denn das Volk – das sind schon wir alle.

Uf a nand luaga – gestern, heute und morgen.


Ich bin kein Redner und suche keine Bühne. Das hier ist mein persönlicher Entwurf für ein öffentliches Danke – gewachsen aus dem Gedanken von Uf a nand luaga und bestärkt durch die Worte unseres Bundespräsidenten zum Nationalfeiertag 2026. Wer eine Stimme in der Politik, in einer Gemeinde, in einem Betrieb oder im Verein hat und diese Worte brauchen kann: Nehmt sie euch. Dafür stehen sie hier.


Von René Jochum. Ein freier Entwurf für alle, die ihm eine Stimme geben wollen. Lizenz: CC-BY-4.0.