Ich spiele gleich am Anfang mit offenen Karten: Ich kann nicht singen, ich spiele kein Cello, und wenn ich selbst zur Gitarre greife, reicht es bestenfalls dazu, die Nachbarn in die Flucht zu schlagen.

Trotzdem habe ich in den letzten Wochen zwei komplette Musik-Alben gemacht. Und ich habe nicht vor, so zu tun, als stünde dafür eine echte Band in meinem Keller. Die Texte entstehen im engen Ping-Pong mit Sprachmodellen, die Musik und die Stimmen sind ebenfalls generiert.

Warum mache ich das? Ganz einfach: Weil ich keine bessere Möglichkeit habe, meine Gedanken, meine Geschichten und meine Art von Kunst unter die Leute zu bringen.


Nicht jeder Mensch liest gerne lange Texte auf einem Blog; manchmal ist der Kopf nach einem Arbeitstag zu voll für geschriebene Absätze, während ein Lied im Auto, in der Werkstatt oder nachts auf den Kopfhörern trotzdem durchkommt. Mir geht es dabei aber nicht darum, auf einen Knopf zu drücken und mir von einer Maschine glatte Gefühle erfinden zu lassen. Keine Künstliche Intelligenz dieser Welt kommt von selbst auf Omas „Zfrieda muss ma si“. Keine Maschine weiß, wie sich die geschlossene Station von innen anfühlt, wie man als schwarzes Schaf einen verrosteten Kübel aus dem See zieht, wie warm der barmherzige Blick der ersten Gastarbeiter-Generation war – oder wie man morgens im Bad steht und sich mangels Wäschetrockner mit dem Föhn den eigenen Hintern trocknet.

Das Rohmaterial ist zu hundert Prozent mein gelebtes Leben mit all meinen Schatten, Verfehlungen und Erkenntnissen. Ich werfe meine echten Erlebnisse und Gedanken in den Ring, feile im Dialog Satz für Satz an den Reimen, bis kein falsches Wort und kein hohes Ross mehr darin stecken, und lasse die KI am Ende das tun, was ich selbst nicht kann: dem Ganzen eine Stimme, ein Klavier, eine Rahmentrommel oder eine Gitarrenwand geben. Für mich ist diese Technik schlicht eine Gehhilfe – wie ein Verstärker für jemanden, der sonst keinen Ton herausbringt.


Was mich selbst am meisten überrascht hat, passierte allerdings erst, als die Lieder fertig aus meinen Boxen klangen.

Ich bin vor meinem Bildschirm gesessen und habe geheult wie ein Schlosshund.

Wenn man einen Text nur für sich aufschreibt, bleibt er immer im eigenen Kopf und in der eigenen, stillen Stimme. Aber als plötzlich eine raue, fremde Männerstimme über Klavier und Cello von meiner eigenen nächtlichen Kammer sang, in der ich mein Ego zähme („Die Stille“), traf mich das von außen mitten in die Brust. Genauso ging es mir bei dem späten Liebesbrief an meine Mutter („Danke, Mama“), bei „Auf den Knien“ – dem Gefühl, Schulter an Schulter mit Brüdern im Gebet wie im Mutterbauch geborgen zu sein – und vor Lachen und Rührung zugleich bei „Abdest kaputt“, einer kleinen, wahren Anekdote unter Brüdern in der Moschee.

Noch bevor irgendein anderer Mensch einen einzigen Ton davon gehört hat, waren diese Lieder für mich selbst ein Stück echte Therapie und Genesung.


Aus dieser Arbeit sind zwei Alben gewachsen, die genau zusammengehören:

Das erste heißt „Uf a nand luaga“. Es erzählt den Weg aus dem dunklen Loch zurück ins Leben – von den zwei Wölfen in der eigenen Brust, von Narren, die einander erkennen, vom Urvertrauen im Gebet und vom späten „Vergelt’s Gott“ an meine Familie, an die Zivildiener und an die Menschen, die dieses Land mit aufgebaut haben.

Das zweite Album heißt „Die Waffen des Pazifisten“. Es räumt mit dem Irrtum auf, dass ein friedlicher Mensch wehrlos sei. In vierzehn Liedern geht es um das innere und äußere Rüstzeug, das man braucht, um ohne Gewalt aufrecht durch diese Welt zu gehen: vom offenen Blick ins Herz und der „anderen Tür“ in den Augen über die Stille, die Tränen, das Gebet auf den Knien und ein verlässliches Wort bis hin zu der Fähigkeit, ganz am Schluss herzlich über sich selbst zu lachen.

Es ist Musik aus der Maschine, ja. Aber das Herz, die Narben und die Tränen darin sind echt. Wenn auch nur ein einziges Lied davon jemandem im Dunkeln zeigt, dass er mit seinen Kämpfen nicht allein ist, hat sich jede Zeile gelohnt.

Ich kann immer noch nicht singen. Aber ich bin nicht mehr stumm.


Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.