Früher habe ich das Chaos verehrt. Dahinter steckte ein rebellisches „Frei-Sein-Wollen“: Für mich war Unordnung gleichbedeutend mit Lebendigkeit und einem unangepassten Geist. Struktur, feste Zeiten und Regeln fühlten sich für mich lange wie ein Gefängnis an, das einem die Spontaneität und die Luft zum Atmen nimmt.

Doch Chaos macht unfrei.

Es hat Jahre gedauert, bis ich das für mich wirklich begriffen habe. Und ehrlich gesagt ist dieser langsame Übergang vom Chaos zur Ordnung bis heute nicht einfach abgeschlossen. Ich muss mir selbst immer wieder neu beweisen, dass Struktur mir nichts wegnimmt, sondern mir im Gegenteil wirklich guttut.


Am leichtesten verstehe ich das, wenn ich auf einen Fußballplatz schaue.

Im Fußball sind die Regeln und die Grundordnung nicht dazu da, den Spielern den Spaß zu verderben. Sie machen ein gutes Spiel überhaupt erst möglich – sowohl für ein besseres „Wir“ im eigenen Team als auch für ein ehrliches, faires „Gegeneinander“.

Ohne Spielfeldlinien, Abseits und klare Foulregeln gibt es keinen echten Zweikampf, sondern nur noch wüstes Geholze. Und ohne eine Grundordnung in der eigenen Mannschaft rennen alle elf Spieler gleichzeitig dem Ball hinterher, stehen sich selbst im Weg und sind nach zwanzig Minuten völlig platt.

Natürlich kann man es auch in die andere Richtung übertreiben: Wenn ein Trainer an der Seitenlinie jeden einzelnen Laufweg wie am Reißbrett vorschreibt, tötet er das Spiel. Ein gutes Match darf auch mal wild und dreckig sein – es braucht kein Korsett, sondern eine Leitplanke, auf die sich alle verlassen können, damit dazwischen Platz für echte Überraschungen bleibt.


Genau darum geht es mir heute in meinem eigenen Leben.

Ich will nicht zahm oder angepasst werden. Aber ich habe auf die harte Tour gelernt: Wenn ich ganz ohne Geländer lebe und dem Chaos freien Lauf lasse, gewinnt am Ende nicht die Freiheit, sondern der lauteste Impuls im Kopf. Man verheizt seine Kraft im Blindflug und steht sich selbst im Weg.

Umgekehrt rebelliert sofort alles in mir, sobald ich versuche, mein Leben wie nach einer Stechuhr durchzutakten. Ich bin kein Mensch für starre Stundenpläne.

Meine Leitplanken heute sind deshalb einfach und grob geschnitzt: Ich schaue darauf, dass mein Schlaf seinen Platz hat und ich mich vor dem Bildschirm oder im eigenen Kopf nicht verliere. Mehr muss es oft gar nicht sein.

Es ist kein glatter Sieg, sondern ein tägliches Ringen, bei dem ich auch immer wieder mal über die Linie rutsche. Aber jedes Mal, wenn der Rahmen hält, merke ich den Unterschied: Das Feuer geht nicht aus – es bekommt endlich eine Richtung. Ich bin im Kopf wacher, bewusster und plötzlich viel aufmerksamer für den Moment und die Menschen vor mir.


Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.