Die meisten stellen sich unter einer Selbsthilfegruppe einen Ort für den absoluten Notfall vor – und gehen erst hin, wenn gar nichts mehr geht.
Meine Erfahrung mit meiner bipolaren Erkrankung ist eine andere: Eine Selbsthilfegruppe sollte man in allen Lebenslagen besuchen – außer in akuten Krisen.
Eine Gruppe ist kein Ersatz für eine Therapie. Und wer mitten in einer akuten Krise steckt, braucht Ruhe, Schutz und professionelle Hilfe – Arzt, Krisendienst oder Klinik. Da ist eine Gruppe der falsche Ort. Für einen selbst und für die anderen im Raum.
Der eigentliche Wert einer Gruppe liegt in all den Tagen dazwischen. Wenn es gut läuft, wenn es mittelmäßig läuft oder wenn es gerade erst leicht zu wackeln beginnt.
Das „Wir-Wissen“
Solange man mit seiner Diagnose allein zu Hause sitzt, kreist alles um das eigene Ich. Man steckt in sich selbst fest.
In der Gruppe entsteht etwas, das kein Lehrbuch allein geben kann: „Wir-Wissen“ – ein zentraler Baustein unter Peers, das Erfahrungswissen aus geteilten Wegen. Aus dem, was bisher nur tief in mir „Drin“ war, wird ein „Unser“.
Ich sehe nicht mehr nur mein eigenes Ringen, sondern ich lerne das Leiden und vor allem die Bewältigung der anderen kennen. Jeder im Raum war schon selbst dort draußen. Aus all diesen einzelnen Wegen wächst ein gemeinsamer Schatz an Erfahrung, auf dem alle sicherer stehen.
Die richtige Balance
Wie ich mich in der Gruppe einbringe, hängt immer von meiner eigenen Verfassung an diesem Tag ab. Es braucht ein feines Gespür für das Maß im Raum: nicht zu viel reden, nicht zu wenig – und an manchen Tagen einfach nur zuhören dürfen. Ich als Labertasche muss mich da oft genug selbst an der Nase nehmen.
Nicht übertreiben und nicht untertreiben: weder das eigene Leid größer machen, als es ist, noch es aus falscher Scham kleinreden. Niemanden verletzen und gleichzeitig die eigenen Grenzen wahren.
Wann es kippt
Man spürt sehr schnell, wann eine Gruppe ihren Wert verliert: Wenn es unruhig wird.
Eine gute Gruppe lebt von Verschwiegenheit und einer gewissen Grundruhe. Von einem Raum, in dem man sein darf, ohne dass einzelne den ganzen Abend fluten, sich Menschen gegenseitig hochschaukeln oder ungefragte Lösungen überstülpen.
Wenn diese Ruhe hält, geht man nach so einem Abend fast immer leichter nach Hause, als man gekommen ist. Nicht, weil alle Probleme gelöst wären. Sondern weil aus dem eigenen „Drin“ wieder ein „Unser“ geworden ist.
Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.
