Es war einmal ein großer Mann auf dem Meer. Einer mit breiten Schultern und einem eigenen Kopf, der im Leben schon manchen Sturm überstanden hatte.

Vor dem Absaufen fürchtete er sich nicht. Im dunklen Wellental kannte er sich aus – dort unten im Schatten wusste er, wie man durchhält.

Was ihm fremd war, war das Licht ganz oben auf dem Kamm.

Er kannte nichts anderes. Jedes Mal, wenn eine große, leuchtende Welle ihn nach oben ins Freie heben wollte, spannte sich sein ganzer Körper an. Mit all seiner Kraft drückte er dagegen, machte sich schwer und zog sich selbst zurück ins graue Wasser. Er kämpfte gegen den eigenen Aufstieg, nur um dort unten zu bleiben, wo ihm alles vertraut war.

An diesem Morgen rollte wieder eine weite, helle Woge heran. Als das Wasser ihn anhob, wollte er sich schon wieder festmachen und nach unten drücken. Doch mitten in der Bewegung hielt er inne. Er merkte plötzlich, wie sehr er arbeitete – wie viel Mühe es ihn kostete, sich jedes Mal selbst kleinzuhalten und ins Dunkle zu zwingen.

Da wurde es still in ihm. Er verstand: Genauso, wie er sich ein Leben lang nach unten gedrückt hatte, durfte er es sich auch gut machen. Und für das Gute brauchte es gar keinen Kampf. Das Meer verlangte keine Gewalt von ihm. Es wollte ihn längst tragen.

Zum ersten Mal hörte der Mann auf zu drücken. Er ließ die Fäuste los. Er nahm die Starre aus den Knien und die Schwere aus seinen Schultern.

Ohne Stampfen, ohne Krampf und ohne jede Anstrengung richtete er sich einfach auf und überließ der Woge sein Gewicht. Und je weniger Kraft er aufwandte, desto leichter wurde die Bewegung.

Er stand frei im offenen Sonnenlicht – nicht weil er die Welle bezwungen hatte, sondern weil er sich endlich erlaubte, sanft auf ihr zu gleiten.


Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.