Viele Menschen glauben, sie hätten einfach nur gern Trubel um sich. Sie lassen den Fernseher nebenbei laufen, greifen in jeder freien Sekunde zum Handy, stürzen sich in Arbeit oder suchen den nächsten Reiz.

Ich kenne das von mir selbst. Lange war das keine Lust am Leben – es war die Flucht vor der Stille.

Denn sobald um mich herum das letzte Geräusch wegfällt und ich einfach nichts tue, stehe ich plötzlich vor einem Berg. Unten im Lärm des Tals konnte ich mir noch aus dem Weg gehen. Aber hier, am Fuß der Stille, gibt es kein Entrinnen mehr. Es bleibt nur das „Ich“ übrig. Ungeschönt, ohne Ablenkung, ohne Rolle, ohne Ausreden. Nur ich und die Stimmen in meinem Kopf.


Wer nicht sofort wieder kehrtmacht und zurück in den Lärm flüchtet, merkt schnell: Die Angst vor der Stille verhält sich wie ein Bergaufstieg.

Die ersten Meter sind steil und eng. Sobald ich das Handy weglege und das Nichtstun zulasse, wird es nicht sofort friedlich. Im Gegenteil. Bei jedem Schritt nach oben meldet sich genau das zu Wort, was im Alltag erfolgreich übertönt wurde – alte Vorwürfe, Zweifel, Unruhe, ungelöste Fragen. Es schnürt mir fast die Luft ab, und mehr als einmal wollte ich genau an diesem ersten steilen Hang wieder umdrehen.

Aber der Berg der Angst lässt sich nicht umgehen, er will durchstiegen werden. Wenn ich nicht weglaufe und mich nicht betäube, sondern Schritt für Schritt weiter durch diese innere Unruhe nach oben steige, erreiche ich irgendwann den Kamm. Das Keuchen hört auf, ein kühler Wind geht, und das Licht wird weit. Ich entdecke, dass auf der anderen Seite des Berges keine Leere wartet, sondern die weite Schönheit der Natur.


Oben ist nicht plötzlich alles gelöst – aber ich sehe es anders.

Wenn ich dort im Freien angekommen bin und ruhig mit meinen Gedanken auf einer Bank in der Sonne sitze, stehe ich jedes Mal vor derselben Wahl:

Ich kann mit mir kämpfen und mich selbst hart ins Gericht nehmen. Ich kann nach Ausreden für mich suchen, warum die Dinge sind, wie sie sind.

Oder ich kann „einfach nur“ barmherzig zu mir selbst sein.

Für mich ist diese Weite in der Stille heute mein wichtigstes Übungsfeld. Im Nichtstun übe ich an mir selbst genau das, was ich mir auch im Umgang mit anderen wünsche: Geduld, Milde und ein ehrliches Hinschauen ohne Verurteilung. Wer im Stillen ständig auf sich selbst einschlägt, trägt diese Härte auch mit ins Tal hinab. Wer aber lernt, dort draußen in der Ruhe friedlich mit seinen eigenen Schatten und blinden Flecken dazusitzen, nimmt diesen Frieden später von ganz allein mit unter die Menschen.


Denn was oben in der Stille beginnt, bleibt nicht dort:

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal. (Ein moderner Wandertext, der oft mit dem Talmud zitiert wird)

Das Schicksal fällt nicht irgendwann unten im Alltag fertig vom Himmel. Es beginnt ganz oben, am Anfang der Kette – bei dem einzelnen, unsichtbaren Gedanken, den noch niemand außer mir hört.

Und genau diesen ersten Gedanken treffe ich nur dort, wo ich aufhöre wegzulaufen: in der Stille. Wenn ich dort lerne, barmherzig mit mir zu denken, ändert sich das Wort, das ich spreche, die Handlung, die ich wähle – und am Ende der Mensch, der wieder ins Tal hinabsteigt.


Von René Jochum. Foto: Mama. Lizenz: CC-BY-4.0.