Wer mag, der hört:


Es gibt dieses eine Lied der Onkelz, das auf vielen Beerdigungen läuft: „Nur die Besten sterben jung.“ Wenn man an einem Grab steht und nicht begreifen kann, warum jemand viel zu früh fehlt, ist dieser Satz ein Pflaster für die Seele. Aber für die Lebenden, für die Jungs von morgen, taugt er nicht als Kompass. Für die Lebenden brauchen wir ein anderes Lied derselben Band: „Der Himmel kann warten.“

Wenn ich heute, an Allerheiligen, darüber nachdenke, warum mir die Jungs im „Loch“ und die Jugendlichen auf den Plätzen so nahegehen, lande ich unweigerlich bei meinem Onkel.

Er war ein cooler DJ. Ein echter Partymensch, einer, der einen Raum betreten und sofort zum Leuchten bringen konnte. Er war ein Herzensmensch durch und durch.

Solange die Musik lief, hatte er für jeden ein offenes Ohr, einen Schulterschlag und das letzte Hemd übrig. Er hat allen um sich herum so viel gegeben. Nur wie viel so ein Mensch, der für alle anderen immer das Feuer am Brennen hält, irgendwann selbst braucht, stand auf keinem Zettel. Und seine sogenannten „Freunde“? Solange die Party lief, waren sie alle da. Als die Musik ausging und es dunkel wurde, war von ihnen keiner mehr zu sehen.


Wir selbst hatten damals kaum Kontakt. Nicht, weil es ihm egal gewesen wäre – er hat den Kontakt zu mir gesucht, immer wieder. Aber ich war noch nicht so weit. Ich hatte Angst. Angst vor seinem Ruf, vor den Geschichten, vor dem Sumpf, der ihn umgab. Ich bin auf Abstand geblieben, weil ich mich selbst schützen wollte – und habe erst viel später begriffen, dass hinter diesem Sumpf kein böser Wille steckte, sondern Schmerz. Weil hinter dem Leid, das man von außen sieht, sehr oft noch viel mehr stilles Leid steht.

Als ich endlich so weit war, das zu verstehen, war es zu spät. Sein früher Tod hat bei uns eine Lücke hinterlassen, die nie wieder ganz zugewachsen ist. Ich habe bei meiner Oma gesehen, was es mit einer Mutter macht, wenn sie ihr eigenes Kind zu Grabe tragen muss. Daran ist nichts Cooles. Daran ist nichts Romantisches. Es bleibt nur eine Stille zurück, die wehtut – und die Gespräche, die man nicht mehr nachholen kann.


Mein Onkel war für mich zweimal ein Vorbild – einmal durch sein Leben, einmal durch seinen Tod.

Durch seine Wärme und seine ausgestreckte Hand hat er mir gezeigt, dass hinter einem lauten Ruf und tiefen Narben oft das größte Herz schlägt. Und durch seine Geschichte habe ich für mein eigenes Leben gelernt, das Glas auch einfach mal stehen zu lassen, auf meine Grenzen zu achten – und genau hinzuschauen, wer noch am Tisch sitzt, wenn die Party vorbei ist.

Vielleicht ist das das Wichtigste, was wir den Jungen von heute mitgeben können: Verschwendet euer Herz nicht an Leute, die nur bleiben, solange ihr funktioniert und für Stimmung sorgt. Auch die, die für alle anderen den Raum hell machen, müssen gut auf sich selbst aufpassen. Und sie müssen bleiben – schon allein für die Echten, die heute vielleicht noch Angst haben oder noch nicht so weit sind, aber morgen ihre Hand ergreifen würden.

Die Besten müssen nicht jung sterben. Die Jungs von morgen brauchen keine weiteren traurigen Legenden auf dem Friedhof. Sie brauchen die Überlebenden. Sie brauchen die Herzensmenschen, die auf sich schauen, rechtzeitig die Bremse ziehen und sagen: Noch nicht. Ich werde hier unten noch gebraucht. Der Himmel kann warten.


Von René Jochum. Im Gedenken an meinen Onkel. Lizenz: CC-BY-4.0.