Wer mag, hört beim Lesen:
Es war einmal ein Junge, der wuchs in einem Haus auf, in dem das Licht nur selten bis auf den Boden fiel.
Seine Hände waren noch klein, aber sie kannten schon das Zittern. Sein Rücken war noch weich, aber er wusste schon, wie man sich krümmt, wenn die Schritte vor der Tür schwer wurden. Und schlimmer als die Schläge, die man sah, waren die Sätze, die blieben. Sie zogen keine Grenze um das, was er tat – sie beschrieben, was er angeblich war: zu laut, zu wenig, verkehrt.
Lange glaubte der Junge diesen Sätzen. Wer im Dunkeln aufwächst, hält die Finsternis irgendwann für die normale Farbe der Welt.
Als er älter wurde und seine Schultern breiter, merkte er eines Tages, dass die alte Kälte in seine eigenen Hände gewandert war. Er spürte den Druck in seiner Brust – den Drang, nun selbst hart zu werden und das weiterzugeben, was man ihm angetan hatte.
Da blieb er stehen. Zum ersten Mal zog er den Kopf nicht ein, und er hob auch nicht die Faust.
Er richtete sich auf. Stück für Stück wuchs ihm ein Rückgrat, das nicht aus Eisen bestand, sondern aus einer stillen Entscheidung: Bis hierher. Bei mir hört es auf.
Der schwerste Weg begann erst danach. Er musste lernen, sich selbst zu vergeben. Er vergab dem Kind, das er gewesen war, dass es sich nicht hatte wehren können. Er vergab sich die Jahre, in denen er den dunklen Stimmen geglaubt hatte, und den Zorn, den er so lange wie einen schweren Stein mit sich herumgetragen hatte.
Erst viele Jahre später, als der Sturm in ihm längst vorüber war, geschah etwas, das er weder gesucht noch geplant hatte: Eines Tages merkte er, dass auch der Groll gegen jene verschwunden war, die ihn einst gebogen hatten. Nicht, weil das Geschehene plötzlich gut war. Sondern weil die alte Last einfach nicht mehr zu ihm gehörte. Er stellte sie ab und ging weiter.
Aus dem Jungen wurde ein Mann, zu dem die Menschen kamen, wenn sie sonst nirgendwo mehr hinwussten.
Sein schwerer Anfang war zu dem geworden, womit er anderen beistehen konnte. Wenn im Dorf ein Sturm aufzog oder das Leben einem Menschen den Boden unter den Füßen wegriss, gerieten die anderen in Panik, weil ihnen das Licht ausging. Er aber blieb ruhig. Die Dunkelheit machte ihm keine Angst mehr. Er kannte sich in ihr aus. Er wusste, wie man im Finstern den Weg ertastet.
Eines Tages kehrte ein Mann ins Dorf zurück, der vor Jahren einen schweren Fehler begangen und seine Strafe dafür bis zum letzten Tag abgesessen hatte.
Für das Dorf war der Mann trotzdem nicht frei. Wo er ging, wurden die Gespräche leise. Die Leute sahen keinen Menschen, sie sahen nur noch die alte Tat. Sie stießen ihn an den Rand, dorthin, wo niemand hinschauen wollte.
Als der Heimkehrer abends allein am Brunnen saß, den Blick zu Boden gerichtet, den Rücken krumm unter den Blicken der anderen, trat der Mann zu ihm, der einst der Junge gewesen war.
Er hielt keinen Abstand. Er setzte sich einfach neben ihn auf den kalten Stein, holte ein Stück Brot aus der Tasche, brach es durch und hielt ihm die Hälfte hin.
Der Heimkehrer sah ihn misstrauisch an. „Weißt du nicht, was ich getan habe?“, fragte er rau.
„Du hast bezahlt“, sagte der andere ruhig.
Der Fremde starrte lange auf das Brot in seiner Hand. Dann sanken seine Schultern ein Stück herab – genau so, wie es nur geschieht, wenn jemand nach langer Zeit zum ersten Mal wieder als Mensch angesehen wird.
Sie aßen schweigend nebeneinander, während über dem Dorf die Dämmerung hereinbrach. Für die anderen wurde es dunkel. Für die beiden am Brunnen war es hell genug.
Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.
