„Bipolar“ klingt für viele nach einem bloßen Wechsel aus guter und schlechter Laune. Bei mir steht auf dem Papier allerdings Bipolar 1 mit psychotischen Symptomen – und wenn ich vollmanisch bin, hat das mit „guter Laune“ nichts mehr zu tun.

Es fängt oft konstruktiv an: Ich habe unzählige Ideen, meistens mit dem ehrlichen Antrieb, Dinge grundlegend zu verbessern. Aber mein Kopf schaltet dabei in eine Geschwindigkeit, der von außen kaum noch jemand folgen kann. Es gibt keinen Filter mehr zwischen Denken und Sprechen – fast jeder Gedanke muss in exakt der Sekunde raus, in der er entsteht. Gleichzeitig bricht mein Kurzzeitgedächtnis weg: Was ich vor Tagen oder auch nur vor wenigen Momenten gesagt habe, ist fast im selben Augenblick wieder gelöscht. Es existiert nur noch dieses hochbeschleunigte Jetzt.

Je weiter sich dieser Zustand hochschaukelt, desto mehr verabschiedet sich die Vernunft – und desto enger wird schrittweise mein Blickfeld. Das hat nichts mit klassischem Egoismus zu tun, sondern mit einem immer dichteren Tunnelblick: Je stärker die Manie wird, desto mehr dreht sich alles um meine eigene Wahrnehmung, bis meine innere Welt irgendwann die einzige Welt ist, die ich noch registriere. Und wenn dieser Zustand auf der höchsten Stufe in die Psychose kippt, setzt das Gehirn noch eine letzte Deutung obendrauf: Aus dem ehrlichen Wunsch, alles zu durchschauen und zu verbessern, wird die feste Überzeugung, ein Auserwählter zu sein.


Wie dieser Zustand endet? Es gibt keinen einfachen Ausschalter.

Damit ich wieder herunterkomme, muss ich zuerst selbst verstehen, dass ich überhaupt manisch bin – und genau das ist im Ausnahmezustand extrem schwer. Solange sich im Kopf alles schlüssig anfühlt, gibt es schließlich keinen Grund zu bremsen.

Es ist jedes Mal verschieden, was diesen Schalter umlegt. Manchmal passiert es darüber, dass ich im Außen auf etwas stoße, bei dem ich mich plötzlich selbst total doof finde – wie etwa beim Betrachten der „Lochgott“-Karikatur im Standard. Ein anderes Mal dämmert mir durch irgendeinen Umstand plötzlich, dass ich gerade echten Mist gebaut habe.

Und dann gibt es noch einen dritten, tieferen Auslöser: eine große, existenzielle Angst, die plötzlich durch die Manie bricht – die nackte Angst, selbst „ein Fehler zu sein“. Nicht nur etwas falsch gemacht zu haben, sondern im Kern falsch zu sein. So schmerzhaft diese Angst in dem Moment ist: Sie holt das überdrehte System vom Thron des „Auserwählten“ herunter und wirkt wie eine Notbremse. Sie bringt mich weit genug auf den Boden zurück, um in die nahegelegene Psychiatrie zu gehen (die zum Glück von Jahr zu Jahr spürbar besser wird).


Der Pendelschlag in die andere Richtung

Kurz nachdem die Manie abklingt, kippt das System bei mir in das andere Extrem: die Depression. Anfangs hat dieses Tief noch einen konkreten Aufhänger und dreht sich um den realen Mist, den ich während der Manie gebaut habe. Doch dabei bleibt es nicht. Irgendwann schaltet meine innere Stimme um und zieht völlig wirr alles heran, was ich in meinem gesamten Leben jemals verbockt habe.

Die Angst aus der Manie wird hier zur gefühlten Gewissheit: Ab einem gewissen Punkt bin ich in meiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr nur jemand, der Fehler gemacht hat, sondern im Kern ein wertloser und böser Mensch. Und weil diese innere Überzeugung so übermächtig ist, gehe ich wie selbstverständlich davon aus, dass sich auch alle Menschen um mich herum in meiner Gegenwart genauso schlecht fühlen müssen – völlig egal, ob sie das in Wahrheit überhaupt tun.

Wenn man es nüchtern betrachtet, schrumpft die Wahrnehmung in der schweren Depression also genauso stufenweise zusammen wie in der Manie – man ist wieder komplett im eigenen Kopf gefangen und bezieht alles auf sich. Nur dass man am äußersten Punkt diesmal nicht der Auserwählte ist, der alles rettet, sondern das schwarze Loch, das vermeintlich alles herunterzieht.


Die gefährlichste Phase und meine Frühwarnzeichen

Irgendwann zeigt sich im dunklen Tunnel der Depression wieder ein Licht – ein Licht, das man allein schon aufgrund der Diagnose eigentlich immer im Hinterkopf haben sollte, das man im Tief aber schlicht nicht sehen kann.

Am Anfang geht es aus diesem Tal nur sehr langsam aufwärts. Doch mit der Zeit gewinnt dieser Aufschwung an Fahrt, es geht immer schneller – und genau ab diesem Punkt wird es gefährlich. Denn was sich zuerst wie die ersehnte Rückkehr ins Leben anfühlt, kann ungebremst direkt in die nächste Manie durchstarten.

Damit es gar nicht erst bis zum kompletten Kontrollverlust kommt, ist die Früherkennung entscheidend. Bei mir gibt es klare Warnsignale, an denen sich zeigt, dass das System wieder heißläuft:

  • Langanhaltende euphorische Phasen: Wenn ein Hochgefühl nicht mehr natürlich abflacht, sondern über Tage hinweg unnatürlich stabil oben bleibt.
  • Scheinbar „wenig“ Schlaf brauchen: Wenn ich plötzlich nach wenigen Stunden Schlaf hellwach bin und glaube, mein Körper käme problemlos ohne echte Erholung aus.
  • Hüpfende Gedanken statt tiefem Fokus: Normalerweise kann ich mich über Tage hinweg tief und ausdauernd auf eine einzige Sache konzentrieren. Wenn meine Gedanken plötzlich so stark zu springen beginnen, dass ich diesen Fokus nicht mehr halten kann, ist das ein deutliches Warnsignal.
  • Nachlassende Vernunft und Suche nach dem „Kick“: Wenn die innere Bremse langsam weich wird, Entscheidungen unvernünftiger werden und ich anfange, bewusst den Reiz, das Risiko oder die Gefahr zu suchen.
  • Radikaler Lebensstil-Wechsel: Wenn ich von einem Tag auf den anderen meine Gewohnheiten komplett umkremple – und zum Beispiel vom eingefleischten Computermenschen plötzlich zum reinen Naturgänger werde.
  • Übermäßige religiöse Praktiken: Wenn sich mein Glaube, der mir normalerweise Ruhe gibt, plötzlich ins Extreme steigert und den Alltag übernimmt.

Was mir hilft, in der Mitte zu bleiben

Sobald solche Vorboten auftauchen – und eigentlich im gesamten Alltag –, darf ich die Energie nicht einfach laufen lassen, sondern muss aktiv gegensteuern:

  • Medikamente nach Verordnung nehmen: Das ist das Fundament und immer wichtig – auch wenn ich ehrlich zugeben muss, dass mir genau das sehr schwerfällt. Oft passiert mir dabei ein gefährlicher Trugschluss: Ich gebe den Medikamenten die Schuld für meine dunklen oder ausgebremsten Zustände – und setze sie genau deswegen ab. Ein Schritt, der das Sicherheitsnetz genau dann wegreißt, wenn man es am meisten braucht.
  • Ein stabiler Biorhythmus: Feste Zeiten für Schlaf und Wachsein sind Pflicht.
  • Reize bewusst dosieren: Eine gute Balance finden und nicht jedem Impuls sofort nachgeben. Dazu gehört auch das „Nein“ zu mir selbst, wenn es zu viel wird.
  • Gutes Essen und raus in die Natur (in gesundem Maß): Den Körper ganz physisch versorgen und erden. Solange es kein manischer Extremwechsel ist, hilft mir vor allem der Wald dabei, das Tempo im Kopf wieder an einen ruhigen, echten Takt anzupassen.

Der Weg zurück in die echte Welt

Was mich aus den tiefen Löchern jedes Mal wieder herausholt und mich weitermachen lässt, ist am Ende eine Mischung aus zwei Dingen: mein Lebenswille – und mein fester Glaube an ein barmherziges Höheres.

Dieser Glaube hilft mir enorm, beides in der richtigen Perspektive zu sehen und die Angst, „ein Fehler zu sein“, aufzulösen. Er erinnert mich daran, dass ich nicht die Welt im Alleingang retten muss, aber eben auch kein wertloser Mensch bin, weil ich Dinge verbockt oder Zeit an diese Krankheit verloren habe. Zu wissen, dass ich ein geliebtes Geschöpf bin – trotz all meiner Fehler, und vielleicht sogar ein Stück weit wegen dieser Fehler –, nimmt dem Selbsthass die Schärfe und gibt mir Boden unter den Füßen.

Wenn sich der Nebel aus Größenwahn und Verurteilung lichtet, bleibt der ganz reale Wunsch übrig, etwas in dieser Gesellschaft beizutragen. Ich möchte mit dem, was ich tue, meine Spuren hinterlassen. Und selbst wenn es am Ende durch die Brüche und Pausen im Leben „nur“ der halbe Weg war, den ich gehen konnte – dann wenigstens der.


Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.