Es gibt eine Form von Selbstzerstörung, die sich anfühlt wie Schutz. Sie heißt: Ich bin das Opfer, alle anderen sind schuld.
Ich kenne diese Haltung von innen. Über Jahre war ich der Arme. Wenn etwas nicht klappte, lag es an den Umständen oder an den Menschen um mich. Vor allem an meinen Eltern. Sie waren jahrelang die Adresse für meine Schuldzuweisungen, für vieles, wofür ich selbst hätte einstehen müssen.
Inzwischen haben wir alles geklärt. Ich habe mich bei ihnen entschuldigt, auf eine Art, die mir wichtig war. Zwischen uns ist Frieden. Gerade weil dieser Frieden da ist, kann ich heute klarer auf das schauen, was ich damals war: ein Mensch, der niemandem etwas Schlechtes wollte und der trotzdem viel Schaden angerichtet hat.
Das ist der Punkt, um den dieser Text kreist. Opfersein wirkt nach außen harmlos, sogar empathieziehend. Man denkt von sich: Ich bin doch der, dem etwas geschieht. Ich tu doch niemandem weh. Doch Opfersein ist alles andere als passiv. Es schiebt die Verantwortung für das eigene Leben in fremde Hände, und dort hinterlässt es Schaden.
Wenn ich mein Scheitern oder meine Lähmung deiner Tür anschreibe, dann bekommst du eine Last, die nicht deine ist. Du sollst die Verantwortung dafür tragen, dass es mir schlecht geht. Du sollst dich schuldig fühlen für mein Stillstehen. Das ist eine stille, höfliche Form von Gewalt. Sie kommt ohne Lautstärke aus und verkleidet sich als Klage.
Sie verändert das Verhältnis. Der andere wird vorsichtig. Er passt auf, was er sagt, reduziert sich, um mich nicht weiter zu belasten, trägt etwas, das nie zu tragen war. So sieht die destruktive Spur des Opferseins aus: kein offener Konflikt, sondern eine leise Verkleinerung des Gegenübers.
Bei meinen Eltern war es genau das. Ich wollte ihnen nichts Böses. Ich liebte sie. Und doch habe ich sie über Jahre zu Trägern meiner eigenen Geschichten gemacht. Sie sollten erklären, warum ich war, wie ich war, sollten den Grund liefern, warum ich nicht weiterkam. Dass sie das weder konnten noch mussten, sah ich lange nicht.
Was sich für mich erst spät zeigte: Opfersein ist eine Form von Kontrolle. Solange ich der Arme bleibe, muss ich nicht handeln. Solange die Vergangenheit das Heute erklärt, brauche ich für das Morgen nichts zu wagen. Das ist bequem für mich und verheerend für die, die ich beschuldige. Am Ende zerstörerisch auch für mich selbst, weil ich in dieser Haltung nicht wachse.
Der Ausweg ist unspektakulär. Er beginnt damit, die Verantwortung für das nächste Wort und den nächsten Schritt zurückzuholen. Nichts Großes. Nur das.
Mit meinen Eltern ist das geschehen. Es hat lange gedauert, und es hat sich gelohnt. Was zwischen uns möglich wurde, nachdem ich die Beschuldigung aus dem Raum genommen hatte, war eine Form von Nähe, die ich im Opferdenken nie erreichen konnte. Erst ohne den ständigen Vorwurf entstand Raum für Liebe.
Aber erst in der Verantwortung für mich selbst liegt die Freiheit, mein Leben tatsächlich zu gestalten.
Ich schreibe das, weil viele Menschen, die niemandem etwas Schlechtes wollen, trotzdem viel Schaden anrichten, indem sie sich als die Armen begreifen. Ich war einer von ihnen. Manchmal bin ich es noch.
Von René Jochum und Claude (Anthropic). Lizenz: CC-BY-4.0.
