Es war einmal ein schwarzes Schaf.
Es lebte in einem Dorf voller Schafe und trug einen Kübel mit sich. Einen Dreckkübel. Alles, was es sich nicht erlaubt hatte zu sein, alles, was das Dorf nicht sehen wollte, lag darin. Es konnte den Kübel nicht abstellen.
Eine Zeit lang dachte das Schaf daran, den Kübel auszukippen. Über die anderen. Sie sollten auch schwarz werden, dachte es, dann wäre es nicht mehr allein. Es stellte sich Nächte vor, in denen es durchs Dorf zog und Farbe verspritzte. Der Gedanke wärmte und vergiftete zugleich.
Doch eines Morgens machte sich das Schaf auf den Weg. Es hatte vom See der Erkenntnis gehört, hoch oben, hinter dem Hügel. Den Kübel ließ es nicht zurück. Es trug ihn die ganze Strecke.
Am Ufer setzte es sich. Das Wasser war still und spiegelte das Schaf, wie es war.
Stunde um Stunde saß es da. Und langsam begriff es, was im Kübel war. Ego, Scham und die Geheimnisse, die es für sich behalten hatte, weil es glaubte, sie machten es kleiner. Ein Teil nach dem anderen warf es über Bord, in den See. Der See nahm alles. Er wurde nicht voller.
Als das Schaf aufstand, war der Kübel leer. Aber es ließ ihn nicht zurück. Es schöpfte Wasser aus dem See und ging damit zurück ins Dorf.
Dort traf es das erste Schaf. Es erzählte ihm, was es gelernt hatte, und reichte den Kübel. „Trink", sagte es. Das Schaf trank. Und während es trank, fiel etwas von ihm ab. Seine Wolle, die immer weiß gewesen war, zeigte plötzlich Töne. Hellbraun. Etwas Rot an den Ohren. Das Schaf erschrak, dann lachte es.
So ging das schwarze Schaf von Tür zu Tür. Manche tranken, manche nicht. Wer trank, kam zu seiner echten Farbe zurück. Eines wurde bunt, eines grau. Eines blieb weiß und leuchtete heller als zuvor. Eines wurde schwarz und stand neben dem ersten, ohne sich zu schämen.
Das Dorf sah anders aus jetzt. Bunter. Ehrlicher. Wenn der Wind kam, standen die Schafe näher beieinander, weil sie wussten, wer der andere war.
Und der Kübel? Der wurde weitergereicht. Immer voll, immer mit Wasser aus dem See.
Von René Jochum und Claude (Anthropic). Lizenz: CC-BY-4.0.
