Ein Satz den jeder kennt. Den wir als Kinder gehört haben wenn wir hingefallen sind, wenn wir geweint haben, wenn wir Angst hatten. Steh auf. Stell dich nicht so an. Ein Indianer kennt keinen Schmerz.

Ich streiche das „KEIN". Nicht weil ich den Satz zerstören will — sondern weil er falsch rum ist.

Ein Indianer kennt Schmerz. Genau das macht ihn stark.

Die Wunden

Stell dir vor du kommst von der Jagd zurück. Es lief nicht gut. Du trägst Wunden. Echte, nicht metaphorische — wobei die metaphorischen genauso wehtun. Kindheit, Verlust, Einsamkeit. Menschen die gegangen sind. Menschen die hätten bleiben sollen. Dinge die passiert sind und Dinge die hätten passieren müssen aber nicht passiert sind. Vertrauen das gebrochen wurde. Würde die abgesprochen wurde. Trauer die nie einen Platz hatte.

Jetzt hast du zwei Möglichkeiten.

Die erste: Du lässt die Wunden offen aber tust so als wären sie nicht da. Du funktionierst. Du gehst am nächsten Tag wieder raus. Irgendwann merkst du sie nicht mehr — nicht weil sie geheilt sind, sondern weil du dich daran gewöhnt hast. Das ist kein Heilen. Das ist Verdrängen mit Übung.

Die zweite: Du gehst zurück ins Dorf. Da sitzen die anderen. Die waren auch draußen, die tragen auch Wunden. Und jemand kümmert sich. Nicht weil du es verdient hast, nicht weil du was dafür tust — sondern weil das so läuft. Man kommt zurück, man wird versorgt. Das ist der Deal.

Manchmal schafft man es nicht zurück. Man liegt draußen, und das Dorf ist zu weit, oder man glaubt nicht dass man dort hingehört. Dieser Moment gehört auch dazu. Er ist kein Versagen. Er ist der Anfang.

Dein Normal verschiebt sich

Wenn du lange genug Schmerz kennst, hörst du auf ihn zu sehen. Sowohl bei dir als auch bei anderen.

Du sitzt jemandem gegenüber und der erzählt dir was. Und du denkst: Ja, und? Das ist doch normal. Weil es für dich normal war. Du hast keinen Maßstab mehr für das was okay ist und was nicht. Dein Normal ist das Kaputte.

Das funktioniert auch andersrum. Jemand sagt dir: Das was du da beschreibst, das ist nicht in Ordnung. Und du verstehst den Satz, aber er kommt nicht an. Weil du die Wunde schon so lange trägst, dass sie sich anfühlt wie ein Teil von dir. Du verteidigst sie sogar.

Schmerz kennen kann heißen: Ich sehe genau hin. Es kann aber auch heißen: Ich sehe gar nichts mehr, weil alles wehtut und ich den Unterschied verlernt habe.

Das ist vielleicht das Gefährlichste daran. Nicht der Schmerz selbst. Sondern der Moment wo du aufhörst zu merken, dass er da ist.

Der bekannte Schmerz

Wer seinen Schmerz kennt, wirklich kennt, den trifft neuer Schmerz weniger. Nicht weil er härter ist. Sondern weil er weiß was Schmerz ist. Stigma, System, Bürokratie, die Blicke — das kommt obendrauf. Aber es definiert dich nicht. Du warst da schon, innerlich.

Aber — und das ist die Kehrseite — genau das wird zur Falle. Wer Schmerz zu gut kennt, hält zu lange aus. Bleibt stehen, wo andere längst gegangen wären. Die Toleranz steigt, die Grenze verschiebt sich. Und irgendwann merkst du den Unterschied nicht mehr zwischen „ich halte das aus" und „ich hätte längst gehen sollen".

Heilung

Das Dorf ist der Ort, wo man hinkommt und wo Leute bleiben. Nicht wegen dem was du mitbringst, sondern weil du dazugehörst. Im Dorf darfst du reden, aber du musst dich nicht erklären. Jemand, der mitschweigt, wenn die Worte fehlen, und der zuhört, wenn sie rausbrechen. Beides ist okay. Es ist ein Ort, an dem deine Wunden und deine Verluste einfach existieren dürfen, ohne dass sofort jemand ein Pflaster oder einen Rat parat hat.

Und das Dorf macht noch was: Es rückt deinen Maßstab gerade. Du siehst die anderen sitzen, mit ihren eigenen Wunden, und merkst — die bluten auch. Dein Bluten ist kein Versagen. Es ist ein Zeichen, dass du draußen warst. Hier lernst du den Unterschied wieder zwischen dem, was normal ist, und dem, was du normal genannt hast.

Das Danach

Wenn eine Wunde heilt — wirklich heilt, nicht nur vernarbt und zugewachsen — dann bleibt eine Narbe. Die tut nicht mehr weh. Aber sie ist da, und du weißt was sie bedeutet.

Und wenn der nächste Schmerz kommt, dann weißt du: Das kenne ich. Das habe ich überlebt. Das wird wehtun, aber es wird mich nicht umwerfen.

Geheilter Schmerz macht dich härter. Das ist erstmal nicht schlecht — du hältst mehr aus, du lässt dich weniger erschüttern. Aber er macht dich auch leichter. Neuer Schmerz wird tragbar, weil der alte nicht mehr mitschleppt. Du hast Platz. Du hast Erfahrung. Du weißt, dass es vorbeigeht — nicht weil dir das jemand gesagt hat, sondern weil du es erlebt hast.

Das Problem ist: Schwerer und leichter fühlen sich von innen ähnlich an. Und wenn geheilte und ungeheilte Wunden nebeneinander sitzen, verschwimmt die Grenze. Du weißt nicht mehr, ob du gerade aushältst weil du gewachsen bist, oder weil du es gewohnt bist. Beides sieht von außen gleich aus. Von innen auch.

Das ist der Unterschied zwischen dem der die Wunden offen lässt und dem der sie heilen lässt. Der eine wird schwerer, Jahr für Jahr. Der andere wird freier.

Heilen

Heilung verläuft nicht linear. Wer eine Wunde kennt — wirklich kennt — kann dabei helfen sie zu behandeln, auch wenn andere noch offen sind.

Und dann sitzt du im Dorf, und jemand kommt rein. Mit Wunden die du kennst — nicht weil du es gelernt hast, sondern weil du die Stelle kennst. Du weißt wie tief die sitzen. Du weißt was passiert wenn man zu schnell geht. Und du weißt was passiert wenn man gar nicht geht.

Deine Narbe wird zum Werkzeug. Nicht weil du jetzt alles besser weißt, sondern weil du nicht erklären musst was Schmerz ist. Du warst da. Das spürt der andere. Und mit jeder Wunde die du behandelst, lernst du dazu. Über die Stelle, über den Schmerz, über dich. Heilen macht stärker.

Aber hier lauert die Falle: Wer sich im Helfen verliert, weicht dem eigenen Schmerz aus, indem er sich um den Schmerz anderer kümmert.

Ein Indianer kennt Schmerz

Der Satz ohne das „KEIN" ist kein Eingeständnis von Schwäche. Er ist das Gegenteil.

Schmerz kennen heißt: Ich war draußen. Ich weiß was es kostet. Ich bin zurückgekommen. Und ich bin dadurch gewachsen.

Das ist mehr als die meisten je zugeben.


Von René Jochum und Claude (Anthropic). Lizenz: CC-BY-4.0.