Jemand sagt Ja und meint Nein. Das passiert ständig – in Meetings, in Therapiegruppen, am Küchentisch. Ich nenne es Kuschen. Und ich lerne immer mehr, es zu benennen.

Was Kuschen ist

Kuschen ist nicht Zuhören. Nicht Nachdenken. Nicht Zurückhaltung. Kuschen ist Zustimmung ohne Überzeugung – performativ, automatisch, konfliktscheu. Der Mund sagt Ja, der Körper sagt was anderes.

In der Suchttherapie begegnet dir das ständig. Ich habe es als Klient gelernt – an mir selbst und in Gesprächen mit anderen Klienten. Jemand sitzt in der Gruppe, nickt, sagt: „Ja, stimmt.“ Klingt nach Einsicht. Ist Anpassung. Und alle arbeiten ab diesem Moment mit falschen Daten.

In der Psychiatrie dasselbe. Wer dem Gegenüber nach dem Mund redet, bleibt unsichtbar. Funktioniert kurzfristig. Langfristig ändert sich nichts. Kim Scott nennt dieses Phänomen „Ruinöse Empathie“: Wir schweigen aus falscher Rücksichtnahme, weil wir niemanden kränken wollen. Aber genau dieses Schweigen verhindert echtes Wachstum.

Die Grenze: Stille ist kein Kuschen

Bevor wir das Benennen lernen, müssen wir unterscheiden: Kuschen ist ein aktives Ausweichen, kein passives Nachdenken.

Hier liegt das größte Risiko: Die Unterstellung. „Du kuschst doch gerade nur!“ kann als rhetorische Waffe missbraucht werden, um jemanden in eine Ecke zu drängen oder eine Antwort zu erzwingen, für die das Gegenüber noch Zeit braucht.

  • Echtes Kuschen ist ein reflexhaftes, performatives „Ja“, um Harmonie zu erzwingen.
  • Reflektion ist die Stille, in der eine eigene Meinung erst geformt wird.

Das Benennen braucht Fingerspitzengefühl. Fragen statt Behaupten: „Meinst du das wirklich?“ statt „Du sagst nur Ja.“ Es ist eine Einladung zur Echtheit, keine Anklage.

Warum ich das benennen kann

Weil ich Erfahrung habe – auf beiden Seiten.

Ich habe selbst gekuscht. Jahrelang. Also immer schön Ja gesagt. Irgendwann merkt man gar nicht mehr, was die eigene Meinung ist. Man funktioniert, man passt sich an, man verliert sich.

Und ich lerne immer besser, das bei anderen zu erkennen. Nicht durch ein Buch, sondern durch Gespräche – als Klient in der Suchttherapie, als Peer, im Austausch mit anderen Klienten in der Psychiatrie. Irgendwann hört man den Unterschied zwischen einem echten Ja und einem performativen. Der Ton stimmt nicht, die Körperhaltung passt nicht, die Antwort kommt zu schnell. Das braucht Übung. Und es braucht den Mut, dann tatsächlich nachzufragen.

Beispiele: Kuschen im Alltag aufbrechen

Das Benennen von Kuschen ist kein Selbstzweck. Es ist die Erlaubnis, dass die Wahrheit wichtiger sein darf als die Hierarchie oder die Höflichkeit.

  • Der Junior/Quereinsteiger: In der Arbeitswelt lernen Einsteiger oft, dass „Ja-Sagen“ sicher ist. Wir haben einem Junior beigebracht, das Kuschen abzulegen, indem wir ihm explizit die Augenhöhe zugesichert haben. Ich habe ihm von meinen eigenen Fehlern erzählt und ihn gezielt aufgefordert, eine Korrektur dafür zu formulieren bei Bedarf. Erst durch diese „Pflicht zum Widerspruch“ und das Erleben, dass Fehler benannt werden dürfen, löste sich die performative Zustimmung auf – und sein echtes Potenzial wurde sichtbar.
  • Die Freundin: In privaten Beziehungen ist Kuschen oft ein Schutzmechanismus aus Angst vor Ablehnung. Hier half es, die „Augenhöhe“ explizit auszusprechen: „Ich brauche dein echtes Nein, damit ich mich auf dein Ja verlassen kann.“ Das Benennen war hier ein Angebot, dass unsere Verbindung stabil genug für die Wahrheit ist.
  • Der Arzt: Im medizinischen Kontext ist die Hierarchie oft starr. Doch auch hier ist das Aufbrechen des Kuschens lebenswichtig. Wenn ich als Patient oder Peer meine Zweifel äußere und der Arzt diese nicht als Angriff, sondern als wertvolle Information begreift, entsteht ein Raum, in dem wir voneinander lernen.

Für beide Seiten

Wenn Kuschen benannt wird, passieren zwei Dinge gleichzeitig.

Für den, der kuscht: Jemand sieht ihn wirklich. Nicht die Fassade, nicht das performative Ja. Den echten Menschen dahinter. Und er erfährt – vielleicht zum ersten Mal –, dass Widerspruch nicht zum Kontaktabbruch führt. Das ist für Menschen mit Bindungsthemen enorm.

Für den, der es benennt: Er bekommt ehrliche Information statt Scheinharmonie. In der Peer-Arbeit heißt das: Du arbeitest mit dem echten Problem. In Beziehungen: Weniger aufgestauter Groll, der irgendwann explodiert. Und es modelliert eine Gesprächskultur, in der Uneinigkeit erlaubt ist.


Ein abschließender Gedanke zu Community-Guidelines:

Viele Standard-Regelwerke (wie der Contributor Covenant) priorisieren das „Wie“ der Kommunikation – die Höflichkeit – so stark über das „Was“ – die Wahrheit –, dass ein Klima des Kuschens als Nebenwirkung entstehen kann. Sie schützen vor Aggression, aber sie schützen nicht vor der Lähmung durch Scheinharmonie. Wahre Inklusivität bedeutet auch, den Raum für das ehrliche „Nein“ zu sichern.


Von René Jochum und Claude (Anthropic). Lizenz: CC-BY-4.0.