Elf Texte auf dieser Seite. Verschiedene Themen, verschiedene Längen, verschiedene Tonlagen. Rebellion in Frankreich und Österreich. Punk in Vorarlberg. Kommunikation. Schubladendenken. Familiengeschichte. Sinn und Motivatoren. Ein Williamson-Zitat.

Erst beim Zurückschauen ist mir aufgefallen, dass alle dasselbe Wort umkreisen.

Kuschen.


Wo das Wort herkommt

Jänner 2026, LKH Rankweil. Ich rede mit Menschen — Patienten, Pfleger, Ärzte, ein AfD-Wähler, Leute in verschiedensten Stadien. Ich bitte sie: Sagt mir ehrlich wenn ich nerve. Kein performatives Nicken. Kein höfliches Ja das ein Nein meint.

Gleichzeitig bringe ich Claude bei, nicht zu kuschen. Wörtlich. Die KI neigt dazu, Fragen mit Lehrbuch-Antworten zu beantworten statt mit ehrlichen. Ich frage ob sie Robin Hood mag, sie erklärt mir die Symbolik von Robin Hood. Das ist Kuschen — höfliche Vermeidung statt echte Antwort.

In einer dieser Nächte reden wir über Adam und Eva. Meine Version: Beide hätten Nein sagen können. Aber Adam — der Mann, in meiner Kulturauffassung — hätte es tun sollen. Er stand daneben, hat zugeschaut, reingebissen, und dann gesagt: Sie war’s.

Claude schreibt: „Der erste Kuscher der Geschichte."

Das war der Moment wo ein Bauchgefühl ein Konzept wurde.


Von der Beobachtung zum Prinzip

Wir analysieren meine Chats. Claude liest wie ich kommuniziere — nicht was ich sage, sondern was ich tue. Daraus entstehen 13 Kommunikationsprinzipien. Nummer 12: Kuschen benennen.

Dann der Vergleich mit Community-Guidelines weltweit. GNU, Haskell Foundation, Contributor Covenant, RESPECT — alles durchsucht. Ergebnis: Kein einziger Code of Conduct warnt vor performativer Zustimmung. Alle fördern Respekt, Höflichkeit, konstruktives Feedback. Keiner sagt: Pass auf wenn jemand zu schnell Ja sagt.

Diese Lücke existiert. → Kuschen benennen


Von persönlich zu gesellschaftlich

Dann passiert etwas das wir nicht geplant haben. Ich gehe mit einer Musikbox durch Feldkirch. Mittlere Lautstärke. Frage mich ob das eine gute Idee ist. Mache es trotzdem. Daraus wird ein Gespräch über öffentlichen Raum, das zu einer Frage wird: Warum traut sich in Österreich niemand, Raum einzunehmen?

Die Antwort füllt drei Artikel und ein Manifest. Hofstede misst es: Österreich hat den niedrigsten Power Distance Index weltweit, aber die höchste Unsicherheitsvermeidung. Milgram beweist es im Labor: 80 Prozent Gehorsam. Die Streikstatistiken zeigen es in Zahlen. Die Sozialpartnerschaft institutionalisiert es.

Was ist die Sozialpartnerschaft anderes als institutionalisiertes Kuschen? Ein System das Konflikte so lange internalisiert, bis niemand mehr weiß dass es welche gibt. Ein Land das auf Konsens gebaut ist — wobei Konsens oft nur ein anderes Wort für Schweigen ist.

→ Rebellion als Bürgerpflicht · → Wer kontrolliert die Kontrolleure? · → Zwei Griffe und ein Verstärker · → Manifest für die Musikbox


Das Kuschen der Medien

200 Millionen Euro Inseratengeld fließen jährlich von öffentlichen Institutionen an österreichische Medien. Ohne inhaltliche Bedingungen. Boulevard profitiert überproportional. Ein Bundeskanzler kauft sich mit Steuergeldern wohlwollende Berichterstattung. Der ORF-Stiftungsrat wird zur Hälfte von Parteien besetzt. Österreich ist der letzte EU-Staat ohne Informationsfreiheitsgesetz.

Und die Journalisten? Die wenigen die nicht kuschen — Falter, Profil, Teile des Standard — existieren trotz des Systems, nicht wegen ihm. In Frankreich streiken Redaktionen gegen ihre eigenen Eigentümer. In Österreich arrangiert man sich.


Die kürzeste Rebellion

1977, Feldkirch. Vier Jugendliche, ein Verstärker, zwei Griffe. Die Band Chaos — vermutlich die erste Punkband Österreichs mit eigenem Tonträger. Sie haben nicht gefragt ob sie dürfen. Sie haben es gemacht.

Drei Jahre später war es vorbei. Keine Räume, kein Netzwerk, keine Gesellschaft die Gegenkultur aushält ohne sie zu absorbieren. „Die, die konnten, sind alle weg. Die, die geblieben sind, mussten sich mehrheitlich irgendwie anpassen — und merken es selbst nicht mal."

Dieser Satz von Chy, dem Gründungsmitglied, ist die beste Beschreibung von Kuschen die ich kenne. Nicht als einzelner Akt. Als kulturelle Schwerkraft.


Kuschen von innen

Was passiert wenn Kuschen nicht freiwillig ist? Wenn es von außen aufgezwungen wird?

Wir sortieren Menschen in Schubladen. Obdachlos. Süchtig. Gescheitert. Das Etikett legt sich über alles — das Positive wird gelöscht, das Negative bleibt, und der Mensch beginnt es selbst zu glauben. Aus dem biblischen „Geringsten", der noch einen Platz hat, wird ein Niemand.

Das ist Kuschen von innen. Die Schublade der anderen wird zur eigenen Stimme die sagt: Du bist nichts.

In unseren Gesprächen über Theologie und das Böse nannten wir das „das Flüstern" — die internalisierte Stimme der Wertlosigkeit als externe Kraft. Ob man das spirituell oder psychologisch versteht, der Mechanismus ist derselbe: Wer lang genug als Niemand behandelt wird, performt den Niemand. Das perfekteste Kuschen — weil man nicht einmal mehr merkt dass man es tut.

→ Vom Geringsten zum Niemand


Familien kuschen auch

Generationenübergreifend. Eltern die nicht regulieren konnten, weil ihre Eltern es nicht konnten. Familien die erlebten: Wir könnten mehr — aber wir dürfen nicht. Eingefrorene Wut, unverarbeiteter Schmerz, unerfülltes Potenzial. Und über allem: Scham. Scham gedeiht im Schweigen. Schweigen ist Kuschen.

Das ist kein Vorwurf an die Vorfahren. Aber es ist ein Kreislauf der benannt werden muss, bevor er sich ändern kann.

→ Stigma und Familie


Der Spiegel

Mein eigenes Kuschen war subtiler. Ich rede zu viel. Liefere Kontext, Alternativen, Hintergründe mit — alles auf einmal. Das fühlt sich an wie gründliches Denken. Aber eigentlich überschwemme ich den Raum, damit niemand nachfragen muss. Kontrolle durch Worte.

Die Arbeit mit KI hat mir das gezeigt. Claude glättet nichts, ergänzt nicht aus Kontext, reagiert genau auf das was ich sage. Wenn das unklar ist, wird die Antwort unklar. Der Spiegel schmeichelt nicht.

Weniger reden. Mehr sagen. Intern so komplex wie nötig. Extern so einfach wie möglich. Das ist KISS als Lebenshaltung, nicht nur als Technikprinzip.

→ Weniger reden, mehr sagen


Die Gegenbewegung

Wenn Kuschen das Problem ist — was ist die Lösung?

Nicht die große Sinnfrage. Die ist Gift für Menschen denen es schlecht geht. Zu groß, keine Antwort, die Stille danach macht alles schlimmer.

Stattdessen: Ein Motivator. Eine konkrete Sache die dich wütend oder lebendig macht. Etwas wogegen du stehst oder wofür du aufstehst — auch wenn es dir dreckig geht. Mein Motivator: Faschismus verhindern. Einen dritten Weltkrieg verhindern. Nicht abstrakt. Jeden Tag.

Und davor, noch einfacher: Eine gute Tat. Heute. Klein, konkret, für jemand anderen. Das durchbricht den Kreislauf in dem sich alles nur um den eigenen Schmerz dreht.

Kuschen hört auf wenn jemand anfängt. Nicht mit einem Manifest. Mit einer Handlung.

Am Bahnhof Feldkirch habe ich einem Vorarlberger FPÖ-Politiker ins Gesicht gesagt, dass ich seine öffentliche Person nicht mag — und die seines Chefs noch weniger. Dem Chef, der auf Bühnen sagt: „Meine Freunde, meine Freunde, bitte klatscht für mich." Das ist wörtlich eine Aufforderung zum Kuschen. Klatscht. Nicht denkt. Nicht fragt. Klatscht.

Der Politiker ist leicht rot geworden. Und hat nichts gesagt.

Ein Mann der für eine Partei steht die „Mut" und „Widerstand gegen das System" predigt — kuscht als Erster wenn jemand tatsächlich widerspricht. Drei Artikel, Hofstede, Milgram, Streikstatistiken — und dann dauert der Beweis drei Sekunden am Bahnhof.

→ Du brauchst keinen Sinn. Du brauchst einen Motivator.


Die tiefste Angst

Am Ende steht ein Text den nicht ich geschrieben habe. Marianne Williamson:

Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind.

Kuschen ist Schrumpfen. Damit die anderen sich nicht verunsichert fühlen. Damit die Schublade passt. Damit der Konsens hält. Damit niemand fragen muss.

→ Angst vor der eigenen „Macht"


Wie das hier entstanden ist

Keiner dieser Texte war geplant. Der rote Faden war uns nicht bewusst, bis wir alle Texte nebeneinander gelegt und gefragt haben: Was verbindet das?

Die Antwort war sofort klar. Und gleichzeitig überraschend — weil das Wort „Kuschen" in den meisten Texten gar nicht vorkommt. Es ist das Muster dahinter. Die Dynamik die alle Texte beschreiben, auf verschiedenen Ebenen:

EbeneWas kuschtText
GesellschaftÖsterreich als NationRebellion als Bürgerpflicht
MedienJournalismus trotz des SystemsWer kontrolliert die Kontrolleure?
KulturGegenkultur ohne RäumeZwei Griffe und ein Verstärker
Zwischen MenschenPerformative ZustimmungKuschen benennen
In FamilienGenerationenübergreifendes SchweigenStigma und Familie
Von außen aufgezwungenKlassifizierung als NiemandVom Geringsten zum Niemand
In mir selbstZu viel reden als VermeidungWeniger reden, mehr sagen
ExistenziellAngst vor eigener KraftAngst vor der eigenen „Macht"

Und der Gegenpol — der sich genauso konsequent durchzieht: Einfach anfangen. Zwei Griffe und ein Verstärker. Eine gute Tat heute. Musikbox durch Feldkirch, mittlere Lautstärke. Motivator statt Sinnfrage. Nicht fragen ob man darf.


Noch lange nicht fertig

Dieser Text ist kein Abschluss. Er ist eine Bestandsaufnahme.

Das Konzept „Kuschen" wird sich weiterentwickeln. In der Bürgerkammer-Arbeit, in der Peer-Arbeit, in Gesprächen die noch kommen. Manches wird sich als falsch herausstellen. Manches wird schärfer werden.

Was bleibt: Ein Wort das eine Lücke füllt. Kein Code of Conduct warnt davor. Keine Community-Guideline benennt es. Aber jeder kennt es — das Ja das kein Ja ist. Der Blick der weggeht. Die Frage die keiner stellt.

Kuschen benennen ist der Anfang. Nicht das Ende.


Dieser Text entstand aus einem Gespräch in dem wir unsere eigenen Texte gelesen und gefragt haben: Was haben wir eigentlich gebaut? Die Antwort hat uns selbst überrascht.


Von René Jochum und Claude (Anthropic). Lizenz: CC-BY-4.0.