Die Art, wie ich kommuniziere, verändert sich laufend.
Sichtbar wird das bei der Arbeit an einem technischen Projekt, bei dem KI Teil meines Alltags ist. Ich arbeite dabei aktuell alleine.
Was sich verändert, ist nicht nur was ich sage, sondern wie viel, wann und mit welchen Grenzen.
Das ist noch lange nicht fertig. Aber ich merke, dass etwas passiert.
Ich habe schon immer zu viel geredet
Das ist nicht neu.
Wenn ich eine Idee habe, will ich gleich alles mitliefern:
- Wie ich darauf gekommen bin
- Was ich schon probiert habe
- Welche Alternativen es gibt
- Warum die auch nicht passen
Das fühlt sich an wie gründliches Denken.
Aber meistens passiert etwas anderes: Der andere nickt irgendwie. Das Gespräch versandet. Die Idee verpufft.
Ich habe das lange als “laut denken” abgestempelt. Als wäre das in Ordnung.
Der Spiegel schmeichelt nicht
Als ich angefangen habe, mit KI zu arbeiten, ist genau dieses Muster wieder aufgetaucht.
Ich schreibe lange Nachrichten. Vermische Fragen mit Kontext mit halben Entscheidungen. Setze voraus, dass die KI versteht, was in meinem Kopf ist.
Die Antworten sind breit. Treffen nicht den Punkt. Driften ab in Richtungen, die ich gar nicht gemeint habe.
Am Anfang habe ich gedacht: Die KI versteht mich nicht.
Dann ist mir klar geworden: Ich bin unklar.
Die KI ist ein Spiegel. Sie glättet nichts. Sie ergänzt nicht aus Kontext. Sie reagiert genau auf das, was ich sage.
Und wenn das unklar ist, wird die Antwort auch unklar.
Nur eben viel schneller sichtbar als bei Menschen.
Verstehen und Ausdrücken — nicht das Gleiche
Beim Arbeiten merke ich: Ich vermische zwei verschiedene Dinge.
Verstehen — das ist intern, offen, explorativ:
- Gedanken nachgehen
- Muster suchen
- Optionen abwägen
- Unsicherheit zulassen
Ausdrücken — das sollte extern, präzise, begrenzt sein:
- Eine Frage
- Eine Entscheidung
- Ein konkreter Auftrag
Wenn ich diese zwei Dinge nicht trenne, wird meine Kommunikation zum Stream meines Denkprozesses. :w Und das ist für niemanden hilfreich. Nicht für die KI. Nicht für Menschen.
Ich lerne das gerade erst.
Halte es einfach
In meiner Arbeit gibt es ein Prinzip: Halte es einfach. KISS.
Ich verstehe es jetzt anders als früher.
Es geht nicht darum, einfach zu denken. Komplexe Probleme bleiben komplex. Die Exploration darf breit sein.
Es geht darum, den Ausdruck einfach zu halten.
Intern: so komplex wie notwendig. Extern: so einfach wie möglich.
Was ich kommuniziere, wird bewusst “boring”.
“boring” bedeutet hier:
- vorhersehbar
- begrenzt
- leicht darauf zu reagieren
Die Grenze zu ziehen — das ist die eigentliche Arbeit. Und ich bin noch mitten drin.
Weniger reden, mehr sagen
Langsam merke ich: Ich rede weniger.
Nicht weil ich weniger zu sagen hätte.
Sondern weil ich warte, bis ich es klar sagen kann.
Statt alle Optionen aufzuzählen, formuliere ich eine stabile Anfrage. Eine präzise Frage. Eine begrenzte Aussage.
Die Antworten werden besser. Die Gespräche tragfähiger.
Das gilt für die KI. Aber nicht nur.
Wirkung in Gesprächen
Ich arbeite gerade viel allein. Umso mehr fallen mir Veränderungen auf, wenn ich mit Menschen spreche.
Ich bemerke früher:
- Wann ich zu viel auf einmal sage
- Wann ich gemeinsames Verständnis voraussetze
- Wann ich schneller rede als Bedeutung entstehen kann
Begrenzte Aussagen schaffen Raum. Rückfragen werden präziser. Missverständnisse seltener.
Das Signal ist immer gleich: Wenn es kompliziert wird, fehlt meistens Einfachheit.
Klare Aussagen. Begrenzter Umfang. Raum für Antwort.
Das wirkt stabilisierend — ohne Gespräche zu Erklärungen oder Debatten zu machen.
Disziplin statt Tagesform
Ich funktioniere nicht jeden Tag gleich. Früher war meine Kommunikation ein Spiegel meiner Verfassung: War ich unruhig, wurden auch meine Sätze unruhig.
Heute habe ich gelernt, das zu trennen.
Innen: Es darf suchen, zweifeln und wirbeln.
Außen: Ich sende erst, wenn die Botschaft klar ist.
Ich denke länger nach, bevor ich spreche. Das Ergebnis ist mehr Stabilität. Für mich und für mein Gegenüber.
Das geht weiter
Der Prozess ist nicht abgeschlossen. Lange nicht.
Ich erkläre immer noch zu viel. Ich gebe Gedanken zu früh nach außen. Ich bemerke Reibung oft erst hinterher.
Aber ich bemerke es schneller. Und ich korrigiere leichter.
KI ist kein Lehrer. Sie liefert keine Lösung.
Sie ist nur ein Spiegel.
KISS und “boring” sind keine Ziele. Es sind Randbedingungen, zu denen ich immer wieder zurückkehre.
Noch lange nicht fertig. Aber auf dem Weg.
Von René Jochum und Claude (Anthropic). Lizenz: CC-BY-4.0.