Ich bin seit über zwanzig Jahren süchtig nach einem Bildschirm. Nach einem Muster. Darunter liegt der Hunger nach Aufmerksamkeit — danach, gesehen zu werden. Wenn ich aufpasse, kann ich damit leben. Wenn ich es vergesse, bin ich sofort wieder drin.

Mir hat die Frage — “Was ist der Sinn deines Lebens?” — immer geschadet. Sie war und teilweise ist zu groß.

Was mir geholfen hat, war etwas anderes.

Dienen

So weit ich zurückdenken kann, wollte ich dienen und der Gemeinschaft etwas zurückgeben — dem Staat, den Menschen um mich herum.

Das klingt edel. War es auch. Aber es war auch etwas anderes: Mein Einsatz für Minderheiten, mein Kampf gegen rechts — das Gefühl, zu zählen. Gebraucht werden, einen Platz haben. Mein Bedürfnis und mein Wert haben sich gefunden. Deshalb funktioniert es.

Das war immer da. Es war mein Antrieb, bevor ich wusste, wie man das Wort “Motivator” benutzt. Doch zuerst musste und muss ich lernen, mich dabei selbst auszuhalten.

Vom überlaufenden Fass

Mein Suchtdruck wird stärker, wenn ich Probleme anstaue statt sie auszusprechen. Jede Kleinigkeit, die ich runterschlucke, füllt ein Fass weiter — bis es überläuft. Und wenn es überläuft, lande ich beim Bildschirm.

In der Therapie habe ich gelernt, das Fass zu entlasten. Drei Schritte: Die Situation benennen. Das Gefühl dazu benennen. Die Änderung benennen, die ich mir wünsche. Und zwar einem Gegenüber — laut, an einen echten Menschen.

Das klingt einfach. Am Anfang war es richtig schwer. Weil das “Du” sofort reinrutscht. Mein erster Versuch klang so:

“X, letzten Abend hast du allen Zucker aufgebraucht obwohl ich hinter dir stand. Ich war traurig und wünsche mir, nächstes Mal wenn jemand nach dir Tee will, dass du fragst ob ihr den Zucker teilen sollt.”

Das ist ein Vorwurf mit Gefühlsdeko. Das “Du hast” macht aus einer Mitteilung einen Angriff. Es funktioniert besser so:

“X, letzten Abend als ich Tee machen wollte, war kein Zucker mehr da. Ich war traurig. Ich wünsche mir, dass wir den Zucker teilen, wenn wenig da ist.”

Selbe Situation. Selbes Gefühl. Selber Wunsch. Kein Finger, der zeigt.

Das war wichtig mit kleinigkeiten zu üben. Weil es bei kleinigkeiten halb so wild ist, wenn es schiefgeht. Und weil es bei den großen Sachen nur funktioniert, wenn die kleinen sitzen.

Was ich unter Motivator verstehe

Ein Motivator ist eine konkrete Sache, die mich wütend oder lebendig macht. Etwas, wofür ich aufstehe — auch wenn es mir dreckig geht.

Dienen ist mein Antrieb. Das konzept vom überlaufenden Fass ist ein Werkzeug.

Ich habe mir irgendwann Fragen gestellt. Was macht mich wütend, wenn ich es in der Zeitung lese? Für wen oder was würde ich morgens aufstehen? Was soll in meiner Welt passieren — und was auf gar keinen Fall?

Meine Antwort war: Minderheiten stärken (empowern) oder direkt beschützen. Das mache ich, so weit ich mich erinnern kann — sicher seit ich neun oder zehn war. Ich liebe es, mich einzusetzen.

Es hätte genauso gut etwas anderes sein können. “Kein alter Mensch soll allein sterben.” Oder: “Niemand soll auf der Straße landen.” Ein Motivator muss nur nach außen schauen.

Die Sinnfrage hat bei mir immer nach innen geschaut und Stille gefunden. Der Motivator schaut nach außen und gibt mir eine Richtung. Ich habe angefangen, und die Heilung kommt immer wieder unterwegs.

Jeden Tag einen kleinen Schritt

Mit dem Motivator habe ich den Grund. Was mir noch fehlte, war die tägliche Handlung.

Ein kleiner Schritt am Tag. Rausgehen. Duschen. Einen Menschen ansehen. Manchmal war der Schritt eine gute Tat — einem Fremden die Tür aufhalten, jemanden fragen wie es ihm geht und auf die Antwort warten. Manchmal war er nur: den Bildschirm zumachen und zehn Minuten draußen stehen.

Es hat etwas gekostet. Aber weniger als ich dachte. Und an den Tagen, an denen der Schritt nach außen ging — für jemand anderen — hat er am meisten verändert. Weil ich in dem Moment aufgehört habe, nur um mich selbst zu kreisen.

Die Schritte werden mit der Zeit größer. Aber die Kraft wächst mit. Die Überwindung bleibt die gleiche.

Das reicht.


Von René Jochum und Claude (Anthropic). Lizenz: CC-BY-4.0.