Rebellion als Bürgerpflicht - Was Österreich von Frankreich lernen kann

In Frankreich ist Widerstand kein Störfaktor. Er ist Bürgerpflicht. Diese Haltung ist keine Laune, kein Nationalklischee und kein Temperament — sie ist das Ergebnis einer Geschichte, die sich über Jahrhunderte konsequent wiederholt hat. Wer verstehen will, warum Millionen Franzosen wegen einer Rentenreform wochenlang auf die Straße gehen, während in Österreich bestenfalls ein Leserbrief geschrieben wird, muss diese Geschichte kennen. Es beginnt vor der Revolution Schon im Mittelalter war Frankreich ein Land der Aufstände. Die Jacquerie von 1358 — ein Bauernaufstand im Norden Frankreichs — war einer der heftigsten. Ausgebeutete Bauern, die unter den Folgen von Pest, Krieg und feudaler Willkür litten, griffen zu den Waffen. Der Aufstand wurde brutal niedergeschlagen, aber er setzte ein Zeichen: Die Unterdrückten haben eine Stimme, und sie werden sie benutzen. ...

7. März 2026 · 15 Minuten · René Jochum

Wer kontrolliert die Kontrolleure? Rebellion und Medien in Frankreich und Österreich

Folgeartikel zu: „Rebellion als Bürgerpflicht: Was Österreich von Frankreich lernen kann" Im ersten Artikel ging es um die Straße — um den Unterschied zwischen einer Kultur, die Protest als Bürgerpflicht versteht, und einer, die ihn als Störung empfindet. Aber Rebellion findet nicht nur auf der Straße statt. Sie findet auch — vielleicht sogar zuerst — in den Medien statt. Oder eben nicht. Die Frage ist nicht nur: Wer geht auf die Straße? Sondern: Wer erzählt davon? Wer entscheidet, was die Öffentlichkeit erfährt? Und wer bezahlt dafür? ...

7. März 2026 · 10 Minuten · René Jochum

Zwei Griffe und ein Verstärker - Die verstorbene Punk-Szene Vorarlbergs

Dritter Teil der Reihe „Rebellion als Bürgerpflicht" In den ersten beiden Artikeln ging es um die große Frage: Warum rebelliert Frankreich und Österreich nicht? Um Hofstede und Milgram, um Polizei und Medien, um Systeme und Strukturen. Dieser Artikel geht an den Anfang zurück — an den Moment, wo Rebellion in Vorarlberg tatsächlich passiert ist. Kurz. Laut. Und dann war es vorbei. Feldkirch, 1977: Zwei Wochen bis zum ersten Konzert Ende 1977 taten sich im Jugendhaus Graf Hugo in Feldkirch ein paar Jugendliche zusammen. Galle, Franz, Slaughter und Chy — vier Typen, die vom Punk in England gehört hatten, über das deutsche Magazin Sounds und, ja, die Bravo. Die Initialzündung kam nicht aus Wien, nicht aus Innsbruck und schon gar nicht aus irgendeiner österreichischen Institution. Sie kam aus einem Zürcher DIY-Fanzine namens „No Fun", herausgegeben von Peter Wittwer und Martin Byland. Darin stand ein Satz aus einer englischen Punk-Zeitschrift: „Buy a guitar, learn a C, learn a D, learn a E and join a band." ...

7. März 2026 · 8 Minuten · René Jochum

Ich brauche einen Motivator

Ich bin seit über zwanzig Jahren süchtig nach einem Bildschirm. Nach einem Muster. Darunter liegt der Hunger nach Aufmerksamkeit — danach, gesehen zu werden. Wenn ich aufpasse, kann ich damit leben. Wenn ich es vergesse, bin ich sofort wieder drin. Mir hat die Frage — “Was ist der Sinn deines Lebens?” — immer geschadet. Sie war und teilweise ist zu groß. Was mir geholfen hat, war etwas anderes. Dienen So weit ich zurückdenken kann, wollte ich dienen und der Gemeinschaft etwas zurückgeben — dem Staat, den Menschen um mich herum. ...

6. März 2026 · 4 Minuten · René Jochum

Vom Geringsten zum Niemand — Über die unsichtbaren Schäden des Schubladendenkens

Wir sortieren Menschen. Täglich, unbewusst, in Sekundenbruchteilen. Obdachlos. Arbeitslos. Süchtig. Gescheitert. Die Schublade geht auf, der Mensch geht rein, die Schublade geht zu. Was drin ist, sehen wir nicht mehr — wir sehen nur noch das Etikett. Was die Schublade mit dem Menschen macht Wer klassifiziert wird, verliert zuerst seinen Namen. Nicht den auf dem Ausweis — den inneren. Den Namen, der sagt: Ich bin jemand. Ich habe eine Geschichte. Ich habe etwas beigetragen. ...

6. März 2026 · 2 Minuten · René Jochum

Weniger reden, mehr sagen

Die Art, wie ich kommuniziere, verändert sich laufend. Sichtbar wird das bei der Arbeit an einem technischen Projekt, bei dem KI Teil meines Alltags ist. Ich arbeite dabei aktuell alleine. Was sich verändert, ist nicht nur was ich sage, sondern wie viel, wann und mit welchen Grenzen. Das ist noch lange nicht fertig. Aber ich merke, dass etwas passiert. Ich habe schon immer zu viel geredet Das ist nicht neu. ...

6. März 2026 · 4 Minuten · René Jochum

Familien reden - über alles

„Mein Doktor sagt, ich hab die krasseste Version der psychischen Diagnosen." So sage ich das. Bipolar Typ 1, mit Psychosen. Ich sage das in der Bar, beim Kaffee, beim Spaziergang. Offen. Direkt. Seit Jahren. Was dann passiert, ist fast immer dasselbe: Die Menschen fangen an zu reden. „Mein Bruder hat das auch." „Meine Tante war jahrelang in der Klinik." „Bei uns redet da halt keiner drüber." Manchmal wollen sie Last abladen. Manchmal wollen sie verstehen. Manchmal beides. ...

4. März 2026 · 6 Minuten · René Jochum