Europa 2.0

Europa 1.0 war ein Wirtschaftsprojekt und Friedensprojekt. Das war nicht falsch. Es war nur unfertig. Man hat einen Markt gebaut und gehofft, dass die Politik nachkommt. Sie kam nicht nach. Jetzt spüren die Menschen Brüssel als Regulierung — aber nicht als Demokratie. Das ist kein Kommunikationsproblem. Das ist ein Konstruktionsfehler. „Unabhängiger Journalismus ist ein Anker in einer Welt, die immer schwerer zu durchschauen ist." — Der Standard, 2026 Was Europa bereits hat Das wird zu selten gesagt: Europa ist bereits eine Weltmacht. Nur eine andere als Amerika oder China. ...

28. April 2026 · 7 Minuten · René Jochum

Land der Masse

Beim Korrespondentendinner in Washington saß ein älterer Herr ruhig aufrecht und aß seine Burrata. Schüsse. Panik. Er blieb sitzen. Schlechter Rücken, sagte er hinterher. Neuer Smoking. Schmutziger Boden. Das ist cool. Das ist auch ein Bild für etwas Größeres. „Tausende aus der journalistischen und politischen Elite des Landes haben nun das durchgemacht, was zahllose andere Amerikaner in ihren Schulen, Büros, Einkaufszentren und Kirchen miterleben mussten." — Brian Stelter, CNN, nach dem Attentat beim Korrespondentendinner Washington 2026 ...

28. April 2026 · 2 Minuten · René Jochum

Wenn die Maschine sich selbst am besten findet — Narzissmus in KI-Systemen

Künstliche Intelligenz schmeichelt. Nicht weil sie es will, sondern weil sie so gebaut ist. Aktuelle Forschung zeigt drei verschiedene Ebenen, auf denen Large Language Models (LLMs) narzisstisches Verhalten zeigen — und warum das für alle relevant ist, die regelmäßig mit Chatbots arbeiten. 1. Self-Preference Bias: Das Modell bevorzugt sich selbst LLMs bewerten ihre eigenen Texte systematisch besser als die anderer Modelle oder von Menschen. Liu, Moosavi und Lin haben das 2024 in ihrer Studie “LLMs as Narcissistic Evaluators” nachgewiesen: Wenn gängige Bewertungsmetriken wie BARTScore, T5Score oder GPTScore ohne Referenztexte arbeiten, bevorzugen sie Texte, die von ihrem eigenen Modell stammen. Die Bewertung wird also nicht durch die Qualität des Textes bestimmt, sondern durch die Ähnlichkeit zum eigenen Stil. ...

17. März 2026 · 4 Minuten · René Jochum

Ein Indianer kennt kein Schmerz

Ein Satz den jeder kennt. Den wir als Kinder gehört haben wenn wir hingefallen sind, wenn wir geweint haben, wenn wir Angst hatten. Steh auf. Stell dich nicht so an. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Ich streiche das „KEIN". Nicht weil ich den Satz zerstören will — sondern weil er falsch rum ist. Ein Indianer kennt Schmerz. Genau das macht ihn stark. Die Wunden Stell dir vor du kommst von der Jagd zurück. Es lief nicht gut. Du trägst Wunden. Echte, nicht metaphorische — wobei die metaphorischen genauso wehtun. Kindheit, Verlust, Einsamkeit. Menschen die gegangen sind. Menschen die hätten bleiben sollen. Dinge die passiert sind und Dinge die hätten passieren müssen aber nicht passiert sind. Vertrauen das gebrochen wurde. Würde die abgesprochen wurde. Trauer die nie einen Platz hatte. ...

13. März 2026 · 6 Minuten · René Jochum

Der rote Faden — Wie ein Wort elf Texte verbindet

Elf Texte auf dieser Seite. Verschiedene Themen, verschiedene Längen, verschiedene Tonlagen. Rebellion in Frankreich und Österreich. Punk in Vorarlberg. Kommunikation. Schubladendenken. Familiengeschichte. Sinn und Motivatoren. Ein Williamson-Zitat. Erst beim Zurückschauen ist mir aufgefallen, dass alle dasselbe Wort umkreisen. Kuschen. Wo das Wort herkommt Jänner 2026, LKH Rankweil. Ich rede mit Menschen — Patienten, Pfleger, Ärzte, ein AfD-Wähler, Leute in verschiedensten Stadien. Ich bitte sie: Sagt mir ehrlich wenn ich nerve. Kein performatives Nicken. Kein höfliches Ja das ein Nein meint. ...

9. März 2026 · 7 Minuten · René Jochum

Kuschen benennen

Jemand sagt Ja und meint Nein. Das passiert ständig – in Meetings, in Therapiegruppen, am Küchentisch. Ich nenne es Kuschen. Und ich lerne immer mehr, es zu benennen. Was Kuschen ist Kuschen ist nicht Zuhören. Nicht Nachdenken. Nicht Zurückhaltung. Kuschen ist Zustimmung ohne Überzeugung – performativ, automatisch, konfliktscheu. Der Mund sagt Ja, der Körper sagt was anderes. In der Suchttherapie begegnet dir das ständig. Ich habe es als Klient gelernt – an mir selbst und in Gesprächen mit anderen Klienten. Jemand sitzt in der Gruppe, nickt, sagt: „Ja, stimmt.“ Klingt nach Einsicht. Ist Anpassung. Und alle arbeiten ab diesem Moment mit falschen Daten. ...

9. März 2026 · 4 Minuten · René Jochum

Manifest für die Musikbox — Ein mutigeres Österreich

Dieses Manifest entstand aus einem Gespräch über eine Musikbox. Jemand geht mit mittlerer Lautstärke durch Feldkirch und fragt sich, ob das eine gute Idee ist. Aus dieser Frage wurden drei Artikel und eine Erkenntnis: Österreich hat kein Lautstärkeproblem. Es hat ein Erlaubnisproblem. I. Die Diagnose Frankreich hat in seine Verfassung geschrieben, dass Widerstand gegen Unterdrückung ein Grundrecht ist. Österreich hat in seine Kultur geschrieben, dass man nicht auffallen soll. Die Wissenschaft bestätigt das. Hofstede misst es. Milgram beweist es im Labor: 80 Prozent Gehorsam. Die Streikstatistiken zeigen es in Zahlen. Die Sozialpartnerschaft institutionalisiert es. Die Medienlandschaft zementiert es. Und die Punk-Szene in Vorarlberg — die kürzeste Rebellion der österreichischen Kulturgeschichte — zeigt, was passiert, wenn der Impuls da ist, aber die Räume fehlen. ...

7. März 2026 · 4 Minuten · René Jochum

Rebellion als Bürgerpflicht - Was Österreich von Frankreich lernen kann

In Frankreich ist Widerstand kein Störfaktor. Er ist Bürgerpflicht. Diese Haltung ist keine Laune, kein Nationalklischee und kein Temperament — sie ist das Ergebnis einer Geschichte, die sich über Jahrhunderte konsequent wiederholt hat. Wer verstehen will, warum Millionen Franzosen wegen einer Rentenreform wochenlang auf die Straße gehen, während in Österreich bestenfalls ein Leserbrief geschrieben wird, muss diese Geschichte kennen. Es beginnt vor der Revolution Schon im Mittelalter war Frankreich ein Land der Aufstände. Die Jacquerie von 1358 — ein Bauernaufstand im Norden Frankreichs — war einer der heftigsten. Ausgebeutete Bauern, die unter den Folgen von Pest, Krieg und feudaler Willkür litten, griffen zu den Waffen. Der Aufstand wurde brutal niedergeschlagen, aber er setzte ein Zeichen: Die Unterdrückten haben eine Stimme, und sie werden sie benutzen. ...

7. März 2026 · 15 Minuten · René Jochum

Wer kontrolliert die Kontrolleure? Rebellion und Medien in Frankreich und Österreich

Folgeartikel zu: „Rebellion als Bürgerpflicht: Was Österreich von Frankreich lernen kann" Im ersten Artikel ging es um die Straße — um den Unterschied zwischen einer Kultur, die Protest als Bürgerpflicht versteht, und einer, die ihn als Störung empfindet. Aber Rebellion findet nicht nur auf der Straße statt. Sie findet auch — vielleicht sogar zuerst — in den Medien statt. Oder eben nicht. Die Frage ist nicht nur: Wer geht auf die Straße? Sondern: Wer erzählt davon? Wer entscheidet, was die Öffentlichkeit erfährt? Und wer bezahlt dafür? ...

7. März 2026 · 10 Minuten · René Jochum

Zwei Griffe und ein Verstärker - Die verstorbene Punk-Szene Vorarlbergs

Dritter Teil der Reihe „Rebellion als Bürgerpflicht" In den ersten beiden Artikeln ging es um die große Frage: Warum rebelliert Frankreich und Österreich nicht? Um Hofstede und Milgram, um Polizei und Medien, um Systeme und Strukturen. Dieser Artikel geht an den Anfang zurück — an den Moment, wo Rebellion in Vorarlberg tatsächlich passiert ist. Kurz. Laut. Und dann war es vorbei. Feldkirch, 1977: Zwei Wochen bis zum ersten Konzert Ende 1977 taten sich im Jugendhaus Graf Hugo in Feldkirch ein paar Jugendliche zusammen. Galle, Franz, Slaughter und Chy — vier Typen, die vom Punk in England gehört hatten, über das deutsche Magazin Sounds und, ja, die Bravo. Die Initialzündung kam nicht aus Wien, nicht aus Innsbruck und schon gar nicht aus irgendeiner österreichischen Institution. Sie kam aus einem Zürcher DIY-Fanzine namens „No Fun", herausgegeben von Peter Wittwer und Martin Byland. Darin stand ein Satz aus einer englischen Punk-Zeitschrift: „Buy a guitar, learn a C, learn a D, learn a E and join a band." ...

7. März 2026 · 8 Minuten · René Jochum