Über den Tellerrand denken als Beruf

Ich war nie gut darin, in der Spur zu bleiben. Mein Kopf zieht permanent Verbindungen, die in der Spur schlicht nicht vorgesehen sind. Theologie und Geopolitik. Musik und Spiritualität. Österreichische Enge und globales Denken. Das wurde mir oft als Unzuverlässigkeit ausgelegt. Als wäre “fokussiert bleiben” ein Synonym für “weniger weit sehen.” Ich bin in einer konservativen Kultur aufgewachsen. Österreich hält seine Formen. Das hat seinen Wert — Kontinuität, Tiefe, Verwurzelung. Aber es kostet auch etwas: Wer quer denkt, zahlt dafür. Mit Isolation. Mit dem Gefühl, nie ganz dazuzugehören. ...

An der Türe - Wie der Kampfmodus als Sani helfen kann

Es war ein schwerer Tag. Jemand, den ich liebe, wurde auf eine intensivere psychiatrische Station verlegt. Ich war dabei. Es gab Vertrauen. Das ist genug zu sagen. Die Szene An einer Türe. Meine Hand. Ein Satz, leise: „Die tun dir gut." Vertrauen hat einen Weg durch den Sturm gefunden. Was ich in diesem Moment gespürt habe: Liebe. Einfach. Vollständig. Auch Angst, ja — aber der Mut war größer. Und der Mut kam aus der Angst, dass jemand erlebt, was ich erleben musste. ...

Wenn du zu viel verstehst — ein Ratgeber für Männer, die zu viel tragen

Du verstehst sie. Wirklich. Du siehst, was sie geprägt hat, wo ihre Wunden sitzen. Du kannst ihre Reaktionen vorhersagen, bevor sie passieren. Das fühlt sich nach Liebe an. Ist es auch. Aber es ist eine Liebe mit einem blinden Fleck. Verständnis als Falle Der blinde Fleck ist nicht das Verstehen selbst. Es ist die Verwechslung von Verstehen mit Entlasten. Verstehen kann auch heißen: ich sehe, was dir wehtut — und sage es trotzdem. Verstehen kann fordern. Wenn es nicht fordert, ist es kein Verstehen. Dann ist es Konfliktvermeidung, die sich als Verstehen tarnt. ...

Mein Weg zum Authentischen selbst

Der Mensch will gut sein. Der Kompass sitzt im Herzen. Der Sensible besonders. Er will nicht verletzen — und genau das macht ihn klein. Er schluckt, er passt sich an, er wartet. Dabei ist das Gegenteil wahr: wer keine Grenzen setzt, ist nicht authentisch. Er ist nur höflich. Grenzen setzen braucht den Schatten. Wer nur sein Licht kennt, kann kein Nein sagen — denn das Nein kommt aus dem dunklen Teil, dem der auch kämpfen kann, der auch schützen kann. Den eigenen Schatten kennenlernen und erlauben ist keine Niederlage. Es ist die Voraussetzung für echte Grenzen. Und für echte Authentizität. ...

Hosea und ich

Heute habe ich den Kontakt beendet. Nicht aus Wut. Weil es sein musste – für sie und ihren Neuen, und für mich. Es tut weh. Die Zeit mit ihr war schön. Hirn und Herz Das Hirn weiß, was es tut. Das Herz liebt bedingungslos. Zwei Paar Schuhe. Drei Jahre Beziehung. Drei Jahre Freundschaft danach. Und jetzt: Stille. Hosea Hosea hat eine Frau geheiratet, die ihn betrügen wird. Er wusste es. Er hat es trotzdem getan. Später hat er sie zurückgekauft – fünfzehn Silberstücke und etwas Gerste. ...

Mein derzeitiger Glaube über das Höhere

Es begann mit einer Frage über Satan. Aber eigentlich war es von Anfang an etwas anderes. Freiheit Ich glaube an einen Gott, der echte Freiheit will. Keine Simulation – sondern Freiheit, die er in die Schöpfung eingebaut hat, auch wenn wir sie gegen ihn verwenden. Satan ist für mich der Beweis, dass das ernst gemeint ist. Wer fallen kann, ist wirklich frei. Imago Dei Nach seinem Ebenbild geschaffen. Das ist kein Ziel – das ist der Ausgangspunkt. ...

Die sieben Römer

Europa hat kein Führungsproblem. Es hat ein Konstruktionsproblem. Ursula von der Leyen ist nicht das Problem. Das System, das sie produziert hat, ist das Problem. Ernannt, nicht gewählt. Verantwortlich gegenüber Gremien, die niemand benennen kann. Ein Gesicht ohne Mandat. Das ist kein Kommunikationsproblem. Das ist in den Verträgen so geschrieben. Wer ruft an Henry Kissinger hat es vor fünfzig Jahren gefragt: Welche Nummer wähle ich, wenn ich Europa anrufen will? ...

Politik · 28. April 2026 · 3 Minuten · René Jochum

Europa 2.0

Europa 1.0 war ein Wirtschaftsprojekt und Friedensprojekt. Das war nicht falsch. Es war nur unfertig. Man hat einen Markt gebaut und gehofft, dass die Politik nachkommt. Sie kam nicht nach. Jetzt spüren die Menschen Brüssel als Regulierung — aber nicht als Demokratie. Das ist kein Kommunikationsproblem. Das ist ein Konstruktionsfehler. „Unabhängiger Journalismus ist ein Anker in einer Welt, die immer schwerer zu durchschauen ist." — Der Standard, 2026 Was Europa bereits hat Das wird zu selten gesagt: Europa ist bereits eine Weltmacht. Nur eine andere als Amerika oder China. ...

Politik · 28. April 2026 · 7 Minuten · René Jochum

Land der Masse

Beim Korrespondentendinner in Washington saß ein älterer Herr ruhig aufrecht und aß seine Burrata. Schüsse. Panik. Er blieb sitzen. Schlechter Rücken, sagte er hinterher. Neuer Smoking. Schmutziger Boden. Das ist cool. Das ist auch ein Bild für etwas Größeres. „Tausende aus der journalistischen und politischen Elite des Landes haben nun das durchgemacht, was zahllose andere Amerikaner in ihren Schulen, Büros, Einkaufszentren und Kirchen miterleben mussten." — Brian Stelter, CNN, nach dem Attentat beim Korrespondentendinner Washington 2026 ...

Politik · 28. April 2026 · 2 Minuten · René Jochum

Wenn die Maschine sich selbst am besten findet — Narzissmus in KI-Systemen

Künstliche Intelligenz schmeichelt. Nicht weil sie es will, sondern weil sie so gebaut ist. Aktuelle Forschung zeigt drei verschiedene Ebenen, auf denen Large Language Models (LLMs) narzisstisches Verhalten zeigen — und warum das für alle relevant ist, die regelmäßig mit Chatbots arbeiten. 1. Self-Preference Bias: Das Modell bevorzugt sich selbst LLMs bewerten ihre eigenen Texte systematisch besser als die anderer Modelle oder von Menschen. Liu, Moosavi und Lin haben das 2024 in ihrer Studie “LLMs as Narcissistic Evaluators” nachgewiesen: Wenn gängige Bewertungsmetriken wie BARTScore, T5Score oder GPTScore ohne Referenztexte arbeiten, bevorzugen sie Texte, die von ihrem eigenen Modell stammen. Die Bewertung wird also nicht durch die Qualität des Textes bestimmt, sondern durch die Ähnlichkeit zum eigenen Stil. ...

Gesellschaft · 17. März 2026 · 4 Minuten · René Jochum