Die Zehn Worte der Freiheit – Zwei alte Steintafeln im warmen Licht, nicht als schwere Last, sondern als offene Tür in eine weite Landschaft

Die Zehn Worte der Freiheit

Ich habe vor vielen Jahren im Religionsunterricht einmal einen Vortrag über die Zehn Gebote gehalten. Damals hatte ich die „Hoffnung für alle“-Übersetzung (HFA) in der Hand – und schon damals ging es mir vor allem darum, was diese alten Sätze uns im echten Leben eigentlich bringen, im Guten für uns selbst und für das Miteinander. Und natürlich durfte ganz am Schluss mein 11. Gebot nicht fehlen – als kleiner Scherz mit ernstem Hintergrund. ...

Ein spätes Vergelt's Gott – Menschen verschiedener Generationen und Herkunft sitzen in warmer Abendstimmung vor der Vorarlberger Bergkulisse beisammen

Ein spätes „Vergelt's Gott“ – Ein Danke an alle, die Vorarlberg mitaufgebaut haben

Vorarlberg war lange Zeit ein bitterarmes Land. Ein Land, das seine eigenen Kinder als Schwabenkinder über die Berge in die Fremde schicken musste, weil es daheim nicht für alle gereicht hat. Heute schauen wir auf saubere Gemeinden, starke Betriebe im Rheintal und im Walgau, Kraftwerke in den Bergen und einen Wohlstand, um den uns viele beneiden. Und oft tun wir so, als wäre das alles ganz selbstverständlich aus dem Boden gewachsen – nur durch unseren eigenen Fleiß. ...

Politik · 30. Oktober 2026 · 4 Minuten · René Jochum
Der Junge, der im Dunkeln sehen lernte – Zwei Männer sitzen in der Dämmerung am Dorfbrunnen und teilen ein Stück Brot

Der Junge, der im Dunkeln sehen lernte

Wer mag, hört beim Lesen: Es war einmal ein Junge, der wuchs in einem Haus auf, in dem das Licht nur selten bis auf den Boden fiel. Seine Hände waren noch klein, aber sie kannten schon das Zittern. Sein Rücken war noch weich, aber er wusste schon, wie man sich krümmt, wenn die Schritte vor der Tür schwer wurden. Und schlimmer als die Schläge, die man sah, waren die Sätze, die blieben. Sie zogen keine Grenze um das, was er tat – sie beschrieben, was er angeblich war: zu laut, zu wenig, verkehrt. ...

„Zfrieda muss ma si“ – Eine zufriedene Tischrunde mit der Oma im warmen Abendlicht

„Zfrieda muss ma si“ – Warum Zufriedenheit das Gegenteil von Stillstand ist

Vor Kurzem wurde in einem Forum die Frage nach der perfekten Welt gestellt. Wenn man die politischen Debatten unserer Tage verfolgt, klingt die Antwort darauf meistens nach mehr Tempo, mehr Wachstum, härteren Kanten oder dem nächsten großen Systemumbau. Meine Antwort fiel anders aus. Leiser. In meinem perfekten Dorf – einer Region, einem Land, einem Kontinent oder gar einer Welt – ist man vor allem eines: zufrieden. Meine Oma hat mir früher oft einen Satz gesagt, der mir bis heute im Ohr geblieben ist: „Zfrieda muss ma si.“ Zufrieden muss man sein. Sie gehörte einer Generation an, die wenig hatte und viel daraus machen musste. Doch in ihrem Satz lag keine Resignation und kein Sich-Abfinden mit Ungerechtigkeit. Darin lag die tiefe Weisheit, wann es genug ist – und welche Ruhe einkehrt, wenn man aufhört, ständig dem nächsten Mangel hinterherzujagen. ...

Gesellschaft · 28. Oktober 2026 · 3 Minuten · René Jochum
Der Griesgram, der keiner sein wollte – Ein alter Mann auf einer Holzbank legt seine kalten Hände auf ein warmes Brot

Der Griesgram, der keiner sein wollte

Es war einmal ein Mann, um den machten die Leute im Dorf einen Bogen. Sie nannten ihn den Griesgram. Wenn Kinder an seinem Gartenzaun vorbeiliefen, wurden sie leise, und wenn ihn jemand auf der Straße grüßte, kam höchstens ein knappes Brummen zurück. Sein Blick suchte immer zuerst das, was schiefstand, was lärmte oder was kaputtgehen konnte. Was im Dorf niemand wusste: Der Mann wollte gar nicht so sein. Sein ganzes Ziel, sein einziger Anker in den dunklen Jahren war die Erinnerung an seine verstorbene Frau. Sie war das genaue Gegenteil von ihm gewesen – ein Mensch voller Fröhlichkeit, der selbst im Kleinsten noch einen Grund zur Freude fand. So wie sie wollte er sein. Freundlich. Ein offener Teil des Dorfes. Doch das Leben hatte ihm über die Jahre zu viel genommen, und jeder Schicksalsschlag hatte sich wie eine dicke Kruste um sein Herz gelegt. Je mehr er sich zwang, so leicht und herzlich wie sie zu sein, desto schmerzhafter spürte er sein eigenes Scheitern. Seine Strenge nach außen war längst zu einer unerbittlichen Härte gegen sich selbst geworden. ...

Gesellschaft · 27. Oktober 2026 · 3 Minuten · René Jochum
Die Zukunft ist ihm unbekannt, die Hoffnung nicht – Ein Wanderer im dunklen Stollen mit Blick auf das Licht am Ende des Tunnels

Die Zukunft ist ihm unbekannt, die Hoffnung nicht

Hinter ihm gab der Berg nach. Ein tiefes Grollen, ein Schlag, dann Staub, der ihm den Atem nahm. Als es wieder still wurde, lag hinter dem Wanderer eine Wand aus Fels und Ton. Das Tal, aus dem er gekommen war – das Bekannte, das Schöne, das Vertraute –, war verschüttet. Der Weg zurück existierte nicht mehr. Er stand im alten Stollen. Es war kalt. Unter seinen Schuhen lag scharfes Geröll, das der Einsturz aus der Decke gebrochen hatte. Über ihm, im unsichtbaren Gewölbe, raschelte und fiepte es. Fledermäuse, aufgeschreckt aus ihrem Schlaf, schossen dicht an seinem Gesicht vorbei durch die Finsternis. ...

Wie es ist, mit der Diagnose Bipolar 1 zu leben – Porträt von René Jochum neben dem Symbol :(:

Wie es ist, mit der Diagnose Bipolar 1 zu leben – aus dem Leben eines Betroffenen

„Bipolar“ klingt für viele nach einem bloßen Wechsel aus guter und schlechter Laune. Bei mir steht auf dem Papier allerdings Bipolar 1 mit psychotischen Symptomen – und wenn ich vollmanisch bin, hat das mit „guter Laune“ nichts mehr zu tun. Es fängt oft konstruktiv an: Ich habe unzählige Ideen, meistens mit dem ehrlichen Antrieb, Dinge grundlegend zu verbessern. Aber mein Kopf schaltet dabei in eine Geschwindigkeit, der von außen kaum noch jemand folgen kann. Es gibt keinen Filter mehr zwischen Denken und Sprechen – fast jeder Gedanke muss in exakt der Sekunde raus, in der er entsteht. Gleichzeitig bricht mein Kurzzeitgedächtnis weg: Was ich vor Tagen oder auch nur vor wenigen Momenten gesagt habe, ist fast im selben Augenblick wieder gelöscht. Es existiert nur noch dieses hochbeschleunigte Jetzt. ...

Die Augen der Barmherzigen – Ein alter Mann mit gütigen, leuchtenden Augen und ein wilder Junge bei den Tieren am Waldrand

Die Augen der Barmherzigen

Es war einmal ein Junge, in dem brannte ein unruhiges Feuer. Im Dorf wusste niemand wohin mit ihm. Er lief zu schnell, er fragte zu viel, er passte auf keinen Stuhl. Wo immer er hinkam, traf er auf Blicke, die ihn kleinhielten. „Sitz gerade“, sagten die Augen des Lehrers. „Reiß dich zusammen“, sagten die Augen der Nachbarn. Je strenger sie schauten, desto wilder schlug das Herz des Jungen um sich. ...

Gesellschaft · 25. Oktober 2026 · 3 Minuten · René Jochum
Der Narr – Ein Gleichnis über unsichtbare Rüstungen, Wölfe und die befreiende Kraft des Lachens

Der Narr

Wer mag, hört beim Lesen: In einem Dorf am Waldrand trugen alle unsichtbare Rüstungen aus Eisen. Wer stark sein wollte, zeigte keine Blöße. Nur einer machte nicht mit. Fragte man ihn, wer er sei, grinste er: „Ein Idiot und ein Narr – steht sogar in meinem Zeugnis.“ Dann lachte er, und die Leute gingen schnell weiter. Eines Tages hörte er im Wald ein Fiepen. Ein Wolfsjunges steckte in einer Dornenspalte. Es biss und kratzte ihn, als er es befreite. Er nahm es nicht persönlich, redete ruhig und zog es ins Moos. Der alte Leitwolf sah es von oben. ...

Gesellschaft · 24. Oktober 2026 · 2 Minuten · René Jochum
Die Kraft, über sich selbst drüberzustehen – Eine abgelegte eiserne Rüstung und ein Mikrofon auf einem Holztisch im warmen Fensterlicht

Die Kraft, über sich selbst drüberzustehen

Warum wir verstummen, wenn uns das Leben wehtut – und welche Freiheit darin liegt, die eigene Rüstung abzulegen. Schweigen kann im Extremfall lebensgefährlich sein. Es isoliert uns leise von innen heraus, nagt am Selbstvertrauen und kostet im schlimmsten Fall das Leben. Warum fällt es uns trotzdem oft so schwer, den Mund aufzumachen, wenn uns das Leben wehtut? Ohne Schuldzuweisung betrachtet, ist unser Schweigen eine alte Rüstung. Über Generationen – durch Kriege, Armut und den harten Wiederaufbau nach 1945 – galt eine eiserne Überlebensregel: Zusammenreißen und funktionieren. Unsere Vorfahren mussten ihren Schmerz wegpacken, um unseren heutigen Wohlstand aufzubauen. Ihr Schweigen war keine Kälte, sondern Notwendigkeit. ...

Gesellschaft · 23. Oktober 2026 · 4 Minuten · René Jochum