Es war einmal eine ältere Dame, die ihrer Umgebung immer wieder dieselben vier Worte mitgab: „Zfrieda muss ma si.“

Wenn die Jungen am Küchentisch saßen und darüber klagten, was alles fehlte, was der Nachbar Neues hatte oder wie ungerecht die Welt war, strich sie mit ihren rauen Händen langsam über das Tischtuch, lächelte leise und sagte diesen Satz.

Für viele klang es wie ein einfacher Spruch alter Leute. Wie etwas, das man leicht dahinsagt, wenn man in einer warmen Stube sitzt und das Gröbste hinter sich hat.

Was kaum jemand wusste: Der alten Dame war dieses Zufriedensein nicht in die Wiege gelegt worden. Es war wahrscheinlich genau das, worum sie selbst am meisten ringen musste.

Als sie noch ein halbes Kind gewesen war, hatte es daheim im Tal nicht für alle Münder gereicht. Also hatte man ihr ein kleines Bündel gepackt und sie im Frühjahr zu Fuß über die Berge in die Fremde geschickt. Sie hatte auf fremden Höfen gedient, in kalten Kammern geschlafen und das Heimweh so tief hinuntergeschluckt, bis keine Tränen mehr kamen. Sie wusste, wie es sich anfühlt, wenn man nur für seine Hände gebraucht wird und nirgendwo wirklich dazugehört.

Der Mangel und die Kälte jener Jahre hatten tiefe Spuren hinterlassen. Sie gehörte zu einer Generation, die nicht gelernt hatte, über eigenen Schmerz zu klagen. Man riss sich zusammen. Man trug es mit sich aus.

Wenn sie später am Küchentisch saß und sagte: „Zfrieda muss ma si“, dann war das kein billiger Trost. Es war ihre tägliche Entscheidung, die alte Härte der Berge nicht an die Nächsten weiterzureichen. Sie wollte nicht, dass ihre Kinder und Enkelkinder denselben Hunger und dieselbe Unruhe im Herzen trugen, gegen die sie selbst ein Leben lang hatte ankämpfen müssen. Also teilte sie mit ihrem Enkel immer wieder genau das, was ihr selbst wahrscheinlich am schwersten fiel: die Erlaubnis, zur Ruhe zu kommen und den Frieden in dem zu finden, was da war.

Der Enkel hörte den Satz viele hundert Male. Als Kind nahm er ihn leicht, wie ein warmes Stück Brot.

Erst viele Jahre später, als die alte Dame längst nicht mehr am Tisch saß, begriff er, was sie ihm da wirklich in die Hand gelegt hatte. Diese vier Worte waren keine bloße Redensart. Sie wurden zu seiner wichtigsten Lebensschule – das kostbarste Erbe einer Frau, die in der Fremde gefroren hatte, damit die nach ihr im Eigenen warm sitzen konnten.


Von René Jochum. Im Gedenken an meine Oma. Lizenz: CC-BY-4.0.