Vor ein paar Tagen war ich draußen mit dem Longboard unterwegs. In der Nachbarschaft wohnt ein Kind, mit dem ich inzwischen öfter ein paar Runden drehe. Als wir uns heute wieder begegnet sind, kam zur Begrüßung nicht einfach nur ein „Hallo“. Es sah mich an und sagte ganz selbstverständlich: „Ich habe dich vermisst.“

Ein kleiner Satz, ehrlich und ungefiltert. Ich bin in dem Moment kein Pädagoge und mache nichts Besonderes – ich fahre einfach nur mein Board. Und trotzdem hat dieser eine Satz meinen ganzen Tag heller gemacht. Er holt einen sofort ins Hier und Jetzt.

Oft heißt es ja, das Großziehen eines Kindes sei allein die Aufgabe der Eltern – und später vielleicht noch die der Lehrerinnen und Lehrer. Alles klar geregelt, Zuständigkeiten sauber getrennt. Man redet höchstens noch darüber, wie wichtig verlässliche Bezugspersonen für die Kinder sind. Was dabei aber fast immer vergessen wird: Was solche Momente eigentlich mit uns Erwachsenen machen.

Heute beim Einkaufen stand ein Junge neben mir und bewunderte den Adventskalender in meinem Einkaufswagen – einen Protein-Kalender, den ich für meine Schwester und meine Familie besorgt hatte. Ich habe ihn angegrinst und gemeint: „Da wird man stark davon!“ Gleich darauf habe ich ihm aber auch mit einem Augenzwinkern gesagt, dass die Werbung auf der Packung deutlich mehr verspricht, als am Ende wirklich drinsteckt. Keine große Belehrung, kein erhobener Zeigefinger – einfach ein kurzes, ehrliches Gespräch zwischen zwei Regalen.

Kurz darauf, an der Kasse: Ein kleines Kind hatte einen ordentlichen Wutanfall. Es hat gezornt, wie Kinder eben zornig sind, wenn die Welt gerade nicht nach ihrem Kopf geht. Man spürt in solchen Momenten sofort die Anspannung im Raum – die genervten Blicke, den Druck auf die Eltern. Ich habe zur Kassiererin und einer Passantin geschaut, geschmunzelt und trocken gesagt: „Ich war als kleiner Junge auch nicht besser.“ Das war keine Heldentat, sondern einfach die Wahrheit. Aber sofort war die Luft raus und die Gesichter wurden weicher. Ein bisschen Milde kostet nichts, nimmt aber allen im Raum sofort die Last von den Schultern.

Im Großen funktioniert das genauso in Generationenhäusern, in denen ältere Menschen und Kinder unter einem Dach leben. Niemand muss dort den anderen „erziehen“ oder „retten“. Sie teilen schlicht ihren Alltag. Die Älteren blühen auf, weil Leben im Haus ist; die Kinder wachsen mit einer Gelassenheit auf, die im durchgetakteten Familienalltag oft zu kurz kommt.

Vielleicht geht es am Ende gar nicht um ein romantisches Dorf, das alles besser weiß und überall mitredet. Sondern um ein Dorf, das nicht erzieht, sondern mitlebt. Eines, das milde macht, ohne gleichgültig zu sein. Eines, in dem man nicht für alles zuständig ist, aber für den nächsten kleinen Moment.

Die eigentliche Frage lautet dann vielleicht gar nicht mehr: „Sind nur die Eltern zuständig?“ – sondern: „Bin ich auch Teil dieses Dorfes?“

Beantworten muss das jeder für sich selbst. Spätestens beim nächsten Mal an der Supermarktkasse oder draußen auf der Straße.


Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.