Vor Kurzem wurde in einem Forum die Frage nach der perfekten Welt gestellt. Wenn man die politischen Debatten unserer Tage verfolgt, klingt die Antwort darauf meistens nach mehr Tempo, mehr Wachstum, härteren Kanten oder dem nächsten großen Systemumbau.

Meine Antwort fiel anders aus. Leiser.

In meinem perfekten Dorf – einer Region, einem Land, einem Kontinent oder gar einer Welt – ist man vor allem eines: zufrieden.

Meine Oma hat mir früher oft einen Satz gesagt, der mir bis heute im Ohr geblieben ist: „Zfrieda muss ma si.“ Zufrieden muss man sein. Sie gehörte einer Generation an, die wenig hatte und viel daraus machen musste. Doch in ihrem Satz lag keine Resignation und kein Sich-Abfinden mit Ungerechtigkeit. Darin lag die tiefe Weisheit, wann es genug ist – und welche Ruhe einkehrt, wenn man aufhört, ständig dem nächsten Mangel hinterherzujagen.


In unserer heutigen politischen und wirtschaftlichen Logik gilt Zufriedenheit fast schon als Gefahr. Ein System, das davon lebt, dass Menschen sich ständig ungenügend fühlen, braucht die Rastlosigkeit. Es braucht die Angst vor dem Abstieg als Peitsche und das Versprechen von „noch mehr“ als Karotte. Wer zufrieden ist, so die heimliche Sorge, hört auf zu konsumieren, hört auf sich anzustrengen, bleibt stehen.

Im selben Forum schrieb jemand unter einen Wunsch nach mehr Menschlichkeit und Demut vor der Natur sofort den reflexhaften Satz: „Ohne Wirtschaftswachstum ist nichts davon leistbar.“

Ich glaube, genau hier liegt unser größter Denkfehler. Das eine schließt das andere nicht aus – im Gegenteil.

Zufriedenheit ist das Gegenteil von Stillstand. Wer zufrieden ist, hat den Kopf frei. Eine Gesellschaft, die nicht mehr aus vererbter Existenzangst oder im ständigen Überlebensmodus gegeneinander antreten muss, wird nicht faul – sie wird frei. Wer sicher steht und mit sich im Reinen ist, muss niemanden kleiner machen, um sich selbst größer zu fühlen. Er hat wieder die Kraft, neugierig zu sein, Dinge sauber zu bauen, Verantwortung zu übernehmen und über den eigenen Gartenzaun hinauszudenken. Eine Wirtschaft, die von Menschen mit freiem Kopf getragen wird, ist auf Dauer stärker als jede, die auf Verschleiß und Angst läuft.


Was es gesellschaftlich dafür braucht, muss hier nicht noch einmal neu aufgezählt werden – es ist jener leise Pakt auf Augenhöhe, den ich in Uf a nand luaga zu fassen versucht habe: dass wir im Alltag aufeinander schauen, Unterschiede am selben Tisch aushalten, die Würde jedes Wesens achten und fünfe auch mal gerade sein lassen.

Im selben Forum hat jemand anderes das in einem Zitat von Katja Gasser auf den Punkt gebracht, das mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist:

„Ich glaube an die Kraft der Genauigkeit und die Kraft der Großherzigkeit. Ich glaube an die Kraft des Zweifelns und des Fragens, an die Kraft der Scham und Bescheidenheit. Ich glaube an die Kraft der Barmherzigkeit und an die unbedingte Notwendigkeit von Solidarität und Mitgefühl.“

— Katja Gasser


Das klingt im Großen vielleicht weit weg. Nach einer Utopie für ruhigere Zeiten.

Aber eine zufriedene Welt fängt nicht erst im Parlament oder in Brüssel an. Sie fängt dort an, wo wir uns nicht mehr einreden lassen, dass wir erst dann gut genug sind, wenn wir atemlos sind. Sie fängt dort an, wo wir morgens die Tür aufmachen, wie wir mit dem Nachbarn reden, wie wir im Forum schreiben und wie wir mit unseren eigenen Brüchen umgehen.

Ich warte nicht darauf, dass die große Welt perfekt wird. Ich versuche es in meiner Welt als Erstes.


Von René Jochum. Im Gedenken an meine Oma und ihr „Zfrieda muss ma si“. Lizenz: CC-BY-4.0.