Es war einmal ein Mann, um den machten die Leute im Dorf einen Bogen.

Sie nannten ihn den Griesgram. Wenn Kinder an seinem Gartenzaun vorbeiliefen, wurden sie leise, und wenn ihn jemand auf der Straße grüßte, kam höchstens ein knappes Brummen zurück. Sein Blick suchte immer zuerst das, was schiefstand, was lärmte oder was kaputtgehen konnte.

Was im Dorf niemand wusste: Der Mann wollte gar nicht so sein.

Sein ganzes Ziel, sein einziger Anker in den dunklen Jahren war die Erinnerung an seine verstorbene Frau. Sie war das genaue Gegenteil von ihm gewesen – ein Mensch voller Fröhlichkeit, der selbst im Kleinsten noch einen Grund zur Freude fand. So wie sie wollte er sein. Freundlich. Ein offener Teil des Dorfes. Doch das Leben hatte ihm über die Jahre zu viel genommen, und jeder Schicksalsschlag hatte sich wie eine dicke Kruste um sein Herz gelegt. Je mehr er sich zwang, so leicht und herzlich wie sie zu sein, desto schmerzhafter spürte er sein eigenes Scheitern. Seine Strenge nach außen war längst zu einer unerbittlichen Härte gegen sich selbst geworden.

Eines kalten Morgens saß er allein auf der Bank vor seinem Haus. Er schaute auf seine verkrampften Hände und grübelte darüber nach, wie weit er sich von ihrem Vorbild entfernt hatte, wie kalt und eng es in ihm geworden war. Er verurteilte sich selbst für seine Verbitterung – und wurde genau dadurch nur noch bitterer.

Da hörte er Schritte auf dem Weg. Es war der Bäcker von gegenüber, der schon früh seine Runde machte. Der Alte spannte sich schon innerlich an, bereit für den gewohnten, abweisenden Blick. Doch der Bäcker blieb am Zaun stehen, griff in seinen Korb, legte wortlos ein noch warmes Brot neben den Alten auf die Bank, nickte ihm ruhig zu und ging weiter.

Der Alte saß da, starrte auf das Brot und legte langsam seine kalten Hände an die warme Kruste.

In diesem stillen Moment begriff er, woran er all die Jahre gescheitert war. Er hatte versucht, die Freundlichkeit seiner Frau im Außen nachzuahmen, während er im Inneren unbarmherzig mit sich selbst ins Gericht ging. Doch man kann der Welt keinen Frieden schenken, den man sich selbst verweigert.

Am nächsten Morgen stand der Alte wieder am Zaun. Als der Bäcker vorbeikam, brummte er nicht und schaute auch nicht zu Boden. Er hob den Kopf, sah ihm in die Augen und sagte leise: „Danke.“

Es war nur ein einziges Wort, noch ungewohnt und rau. Aber während er es aussprach, wurde es in seiner Brust ein kleines Stück wärmer. Er hatte verstanden, woher das Leuchten seiner Frau gekommen war: Es begann dort, wo man aufhörte, gegen sich selbst zu kämpfen.


Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.