Es war einmal ein Junge, in dem brannte ein unruhiges Feuer.

Im Dorf wusste niemand wohin mit ihm. Er lief zu schnell, er fragte zu viel, er passte auf keinen Stuhl. Wo immer er hinkam, traf er auf Blicke, die ihn kleinhielten. „Sitz gerade“, sagten die Augen des Lehrers. „Reiß dich zusammen“, sagten die Augen der Nachbarn. Je strenger sie schauten, desto wilder schlug das Herz des Jungen um sich.

Eines Nachmittags, als ihm das Dorf wieder zu eng wurde, lief er hinauf bis zum letzten Hof am Waldrand. Dort lebte ein alter Mann zwischen seinen Pferden, zwei Hunden und den hohen Tannen.

Der Junge trat trotzig durch das offene Tor, die Fäuste in den Taschen, bereit für den nächsten Unfug – das nächste „Was suchst du hier?“. Der alte Mann stand am Holzbrunnen und striegelte eine alte Stute. Als er sich umdrehte, blieb der Junge wie angewurzelt stehen.

Denn der Alte hatte Augen, wie der Junge sie im ganzen Dorf noch nie gesehen hatte.

Um sie herum lagen tiefe Falten von Jahrzehnten in Wind, Wetter und Wald. Doch darin lag kein Groll und keine Müdigkeit. Es waren zufriedene Augen – die Augen von jemandem, der niemandem mehr etwas beweisen musste. Sie waren barmherzig – weit und warm wie ein Sommerabend, ohne jedes Urteil. Und doch blitzte ganz tief darin ein helles, feuriges Leuchten: ungebrochene Lebenskraft, wach wie das Feuer in einer warmen Hütte.

Der Alte sagte kein Wort der Belehrung. Er musterte den Jungen nicht von oben herab. Er sah ihn einfach an, mit diesem ruhigen, funkelnden Blick, und hielt ihm wortlos die zweite Bürste hin.

Und in dieser Sekunde geschah etwas Seltsames.

Zum ersten Mal in seinem Leben musste der Junge sich nicht verteidigen. Er musste nicht größer tun, als er war, und sich nicht kleiner machen, als er sich fühlte. In diesen zufriedenen, barmherzigen und feurigen Augen lag ein einziger stiller Satz: Du bist gut so. Du darfst einfach sein.

Die Fäuste in seinen Taschen öffneten sich. Seine Schultern sanken herab. Das wilde, gehetzte Flattern in seiner Brust legte sich.

Er nahm die Bürste, stellte sich neben den Alten an die warme Flanke des Pferdes und begann ruhig zu streichen. Sie redeten den ganzen Nachmittag kein Wort. Und doch war der Junge noch nie im Leben so tief verstanden worden.

Das Feuer in ihm brannte weiter. Aber es brannte ruhig, wie in einem Ofen.


Erst viele Jahre später verstand der Junge, woher diese Augen kamen. Der Alte hatte sein Leben draußen verbracht, in Wind und Wetter, bei den Tieren. Und kein Baum lässt sich antreiben, kein Tier gehorcht auf Dauer der bloßen Härte. Wer mit ihnen lebt, lernt zu warten, zu verstehen und das Wilde nicht zu brechen, sondern zu achten. All die Entbehrungen hatten ihn milder und nicht verbissener gemacht.


Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.