Wer mag, hört beim Lesen:
In einem Dorf am Waldrand trugen alle unsichtbare Rüstungen aus Eisen. Wer stark sein wollte, zeigte keine Blöße. Nur einer machte nicht mit. Fragte man ihn, wer er sei, grinste er: „Ein Idiot und ein Narr – steht sogar in meinem Zeugnis.“ Dann lachte er, und die Leute gingen schnell weiter.
Eines Tages hörte er im Wald ein Fiepen. Ein Wolfsjunges steckte in einer Dornenspalte. Es biss und kratzte ihn, als er es befreite. Er nahm es nicht persönlich, redete ruhig und zog es ins Moos. Der alte Leitwolf sah es von oben.
Kurz darauf blieb der Narr selbst zwischen zwei Baumstämmen stecken. Er lachte über sich. Die Wölfe kamen, schnupperten an seinen zerkratzten Händen und merkten: Mit Zähnen ließ sich kein Holz bewegen. Da liefen sie zum Dorfrand und heulten, bis die Waldarbeiter kamen. Sie führten sie zur Lichtung.
Später fuhren die Dorfleute in den Tiergarten. Vor dem Gehege des Silberrückens standen sie steif und grimmig. Der Gorilla schlug gegen das Glas. Da trat der Narr vor die Scheibe, zog Grimassen, streckte die Zunge heraus und ahmte den Bürgermeister nach. Der Silberrücken ließ die Schultern sinken, setzte sich hin und klatschte auf den Bauch. Die beiden spielten durch das Glas hindurch.
Zuerst kicherte ein Kind. Dann prustete die Bäckerin. Schließlich lachte der Bürgermeister über sich selbst. Und irgendwo schepperte es leise, als fiele etwas Schweres von Schultern.
Von da an hatte der Narr seinen Platz im Dorf. Manchmal sang er zu laut, manchmal trat er jemandem mit einem Scherz auf die Füße. Aber wenn es wieder zu eng, zu streng und zu normal wurde, riefen sie ihn.
Von René Jochum. Lizenz: CC-BY-4.0.
