Eine der Regeln, nach denen ich Software baue, heißt: Vorgaben außen, Freiheit innen.

Die Bedingungen gehören an den Rand. Was drinnen passiert, darf dann direkt sein. Keine Funktion muss sich gegen ihre eigenen Aufrufer verteidigen, weil am Rand schon entschieden wurde, was hereinkommt. Die Grenze ist da, damit es innen frei wird.

Bei Menschen kippt das.

Was die Grenze im Code macht

Sie sagt, was durchgeht. Mehr nicht.

Sie sagt nichts darüber, was drinnen ist, wie es arbeitet, wie es sich ändern darf. Genau deshalb funktioniert sie: sie beschreibt einen Übergang, keinen Inhalt. Was innen liegt, bleibt seine eigene Sache.

Was die Grenze bei einem Menschen macht

Sie hört auf, vom Übergang zu reden, und fängt an, vom Inhalt zu reden.

Das liegt daran, dass sie niemand durchsetzt. Ein Typ im Code hält sich selbst, er braucht keinen, der ihn trägt. Eine Grenze um einen Menschen herum hat das nicht. Sie muss getragen werden, und die einzige Art, wie ein Mensch eine Grenze trägt, ist, sie zu einem Teil von sich zu machen.

“Das kann ich nicht versprechen” ist eine Aussage über einen Übergang. Wahr, prüfbar, begrenzt. “Ich bin keiner, der das kann” ist eine Aussage darüber, was drinnen ist — und sie ist nicht mehr prüfbar, weil sie keinen Rand hat, an dem man sie messen könnte.

Der Weg von der ersten zur zweiten Aussage dauert einen halben Satz.

Wo diese Grenzen herkommen

Die wenigsten zieht man selbst.

Sie kommen von außen, oft freundlich verpackt, oft gut gemeint. Irgendwann muss sie niemand mehr aussprechen, weil man sie selbst hält. Das ist der Punkt, an dem sie hart wird: eine Grenze, die von außen kommt, kann man verhandeln. Eine, die man selbst hält, verhandelt man nicht, weil sie sich nicht mehr wie eine Grenze anfühlt, sondern wie eine Tatsache über sich.

Der Unterschied, auf den es ankommt

Eine echte Einschränkung ist konkret und sie hat einen Rand.

Ich kann über Jahre keine Verlässlichkeit versprechen. Das stimmt, es ist genau benannt, und es lässt alles offen, was nicht davon abhängt. Es sagt auch, was zu tun wäre: eine Struktur, die nicht an einer einzigen Person hängt.

Die weite Version sagt das nicht. Sie sagt “so einer bin ich nicht”, und daraus folgt keine Aufgabe, sondern ein Verzicht. Sie ist bequem, weil man sie nie wieder anschauen muss.

Wo das politisch wird

Genau dieser Unterschied wird gerade Politik.

Die “gesunde Watschn” sagt nicht, was nicht hinübergehen darf. Sie sagt einem Kind, was es ist: etwas, das man schlägt. Ich habe darüber schon einmal geschrieben, und das Adjektiv ist der ganze Trick — es macht aus Gewalt eine Grenze, die angeblich guttut.

Strafmündigkeit ab vierzehn ist dieselbe Bewegung mit besseren Manieren. Formal ist sie das Gegenteil davon: eine Schranke, die an einer Tat hängt und nicht an einer Person. Nur bleibt sie das nicht. Der Eintrag folgt dem Menschen, die Kategorie klebt an ihm statt an dem, was er getan hat, und “Straftäter” ist ein Hauptwort.

Eine Strafe beschreibt eine Tat. Eine Kategorie beschreibt eine Person. Wer mit vierzehn schuldfähig gemacht wird, bekommt beides, und das zweite trägt er weiter, lange nachdem die Sache vorbei ist.

Damit sind Grenzen für Kinder nicht erledigt. Ein Vierzehnjähriger braucht welche, und manche muss man durchsetzen. Der Unterschied ist, ob sie sagen, was nicht geht, oder was einer ist.

Beides ist von außen gezogen und wird danach von innen gehalten. Das ist der Teil, der bleibt.

Dasselbe gilt für eine Verwaltung, die jeden Fall in ein Formular presst. Was dabei stirbt, ist zuerst die Freiheit, dann das Innenleben, und wahrscheinlich auch Menschen. Ich schreibe wahrscheinlich, weil ich es nicht beweisen kann, und lasse es trotzdem stehen.

Warum das Innenleben stirbt

Weil eine Grenze um einen Menschen herum nicht schützt, was drinnen ist. Sie ersetzt es.

Im Code schützt die Grenze den freien Raum dahinter. Bei einem Menschen wird die Grenze zur Beschreibung — und eine Beschreibung, die man für eine Tatsache hält, wird nicht mehr geprüft. Verändern kann man sich trotzdem. Es muss dann nur gegen die Beschreibung passieren statt durch sie, und das ist ungleich mehr Arbeit.

Was ich damit mache

Die enge Aussage stehen lassen und die weite streichen.

Nicht aus Optimismus. Weil nur die enge etwas beschreibt, das man prüfen kann, und weil nur aus ihr eine Frage folgt, die sich beantworten lässt: Was wäre nötig, damit es trotzdem geht?

Die weite Aussage lässt keine Frage übrig. Das ist ihr ganzer Zweck.

Wo Heilung anfängt

Nicht damit, dass die Grenze verschwindet. Eine echte Einschränkung bleibt, und sie soll bleiben.

Sie fängt dort an, wo der Satz seinen Rand zurückbekommt. Aus “so einer bin ich nicht” wird “das kann ich nicht versprechen”, und damit steht wieder eine Frage im Raum: Was wäre nötig, damit es trotzdem geht? Solange eine Frage übrig ist, ist auch etwas offen.

Bei sich selbst ist das klein. Merken, welchen der beiden Sätze man gerade gesagt hat. Am Anfang ist es nicht mehr als das.

Beim Nächsten ist es schwerer, weil es Verzicht heißt. Keine Beschreibungen austeilen. Sagen, was man gesehen hat, und nicht, was einer ist. Eine Beschreibung kommt von oben. Eine Grenze sagt man daneben, auf Augenhöhe.

Und fast jeder, der eine Beschreibung über sich hält, hat sie von jemandem bekommen. Nicht dieser Jemand zu sein, ist etwas, das man wirklich tun kann.

Was heilt

Ich habe kein Rezept dafür.

Was ich gesehen habe: das Gegenteil einer harten Grenze ist keine fehlende Grenze. Es ist eine, über die geredet werden darf. Gemeinsam, offen, und mit der Möglichkeit, zu einem Fehler zu stehen, ohne dass daraus eine Beschreibung wird.

Strafe und Bürokratie machen genau das umgekehrt. Sie verwandeln den Fehler in eine Eigenschaft, und sie machen es vernünftig, ihn zu verstecken. Wer sich versteckt, heilt nicht. Er verwaltet nur, was er verbergen muss.

Eine kranke Gesellschaft, die zusammenhält, hat mehr Heilung in sich als eine gesunde, die das nicht tut. Ich meine damit Orte, an denen alle etwas haben und niemand deswegen beschrieben wird.

Das ist keine Theorie von mir. Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Schuld einem ganzen Volk zugeschrieben - keine Schranke für eine Tat, sondern eine Beschreibung für alle. Nach dem zweiten hat man aufgebaut und eingebunden statt beschrieben. Was jeweils daraus geworden ist, muss ich hier nicht ausführen.

Wir haben es mehr als zweimal gesehen.


Von René Jochum - LLM Assistiert. Lizenz: CC-BY-4.0.