Ich denke an einen fiktiven Menschen.

Er ist Pazifist — nicht weil er es gelesen hat, sondern weil er Gewalt erlebt hat und sie ablehnt. Er kommt aus einem Land, in dem Männer stark sind und keine Scham zeigen dürfen. Er flieht. Er kommt hier an.

Er trägt etwas mit sich. Die Überzeugung, dass Frieden möglich ist, wenn jemand ihn anfängt. Er wollte hier beitragen. Nicht als Geste — weil er weiß, was passiert, wenn es niemand tut. Er hat gesehen, wohin Hass führt. Er wollte das Gegenteil leben.

Aber er darf nicht. Oder kann nicht. Oder beides.

Das Nervensystem, das überlebt hat, ist nicht abgeschaltet. Es ist hyperreaktiv. Ein lautes Wort, eine Behördensituation — und der Körper antwortet, bevor das Gewissen mitkommt. Die Forschung nennt das eine niedrige Aggressionsschwelle nach Trauma. Sie ist neurobiologisch real, kein moralisches Versagen.

Danach sitzt er allein in seiner Wohnung und schaut auf seine Hände. Als gehörten sie jemand anderem. Er wäscht sie, obwohl sie sauber sind. Dann betet er — nicht aus Frömmigkeit, sondern weil das Gebet die einzige Sprache ist, in der er sagen kann: Ich war das nicht. Nicht der, der ich sein will.

Dieser fiktive Mensch ist allein. Zu Hause gab es Mehrgenerationenhäuser — Familie über Generationen, die trägt, reguliert, hält. Dieser Rahmen ist hier weg. Was ihn früher aufgefangen hätte, existiert nicht mehr.

Dazu kommt das Außen. Eine Hautfarbe, eine religiöse Haltung — und er wird als Terrorist gelesen. Ich kenne diesen Blick. Mich adressiert man wegen meiner religiösen Haltung manchmal genauso. “Bist du ein Terrorist?”

Vor Kurzem habe ich jemanden getroffen. Ich habe ihm gesagt, dass ich seinen Glauben respektiere. Seine erste Reaktion war keine Freude. Er hat mir erklärt, dass er kein Terrorist ist. Er hat mir erklärt, was Islam bedeutet: Frieden. Dass Muslim der heißt, der sich dem Frieden hingibt. Er musste sich rechtfertigen, bevor ich ihm überhaupt eine Frage gestellt hatte. Weil die Welt ihm diese Frage stellt, bevor sie ihm zuhört.

Wer das ständig erlebt, internalisiert es. Oder bricht daran.

Stell dir vor, du würdest jeden Tag direkt oder indirekt gefragt, ob du ein Terrorist bist. Wie lange hättest du Lust, Frieden zu stiften?

Dieser fiktive Mensch schweigt. In seiner Kultur darf er nicht schwach sein. Stärke heißt dort: durchhalten, ohne zu klagen. Hilfe annehmen wäre Bestätigung genau jener Schwäche, vor der seine Kultur ihn warnt. Je länger er schweigt, desto mehr verstärkt sich das, was er nicht aussprechen darf.

Um den Mechanismus zu verstehen, hilft ein zweites fiktives Beispiel. Stell dir jemanden vor, der mit sich selbst nicht klarkommt und keine Sprache dafür hat. Der irgendwann zu Prostituierten geht — nicht aus Lust, sondern weil der Körper sich nimmt, was der Verstand nicht zulässt. Irgendwann gibt es eine Wendung. Nicht weil die Scham verschwindet, sondern weil Menschen bleiben, die ihn aushielten, bis er selbst gehen konnte.

Für den fiktiven Geflüchteten gibt es diese Wendung nicht. Keine Menschen, die bleiben. Keine Sicherheit, keine Sprache, keine Bremse.

Dann passiert etwas. Ein Vorfall. Und die Schlagzeile macht ihn fertig — und viele andere mit ihm: Geflüchteter, gewalttätig.

Niemand schreibt, was vorher war. Niemand schreibt, was er hätte brauchen können.

Ich frage mich, ob wir ihm die Sprache geben könnten, in der er sich selbst helfen kann. Ob es eine Art von Hilfe gibt, die seine Stärke nicht beleidigt. Die nicht voraussetzt, dass er sich als Opfer versteht. Es gibt sie bereits — AFYA ist ein Beispiel dafür.

Er wollte beitragen. Die Frage ist, ob wir ihm den Boden dafür lassen.

Zuhören, bevor man urteilt. Nicht wegschauen, wenn jemand allein mit seinen Händen sitzt. Und wer konkret helfen will: AFYA leistet genau diese Arbeit — mit einer Spende lässt sich mehr davon ermöglichen.


Von René Jochum, Claude (Anthropic), Vibe (Mistral) sowie deepseek. Lizenz: CC-BY-4.0.