Dritter Teil der Reihe „Rebellion als Bürgerpflicht"
In den ersten beiden Artikeln ging es um die große Frage: Warum rebelliert Frankreich und Österreich nicht? Um Hofstede und Milgram, um Polizei und Medien, um Systeme und Strukturen. Dieser Artikel geht an den Anfang zurück — an den Moment, wo Rebellion in Vorarlberg tatsächlich passiert ist. Kurz. Laut. Und dann war es vorbei.
Feldkirch, 1977: Zwei Wochen bis zum ersten Konzert
Ende 1977 taten sich im Jugendhaus Graf Hugo in Feldkirch ein paar Jugendliche zusammen. Galle, Franz, Slaughter und Chy — vier Typen, die vom Punk in England gehört hatten, über das deutsche Magazin Sounds und, ja, die Bravo. Die Initialzündung kam nicht aus Wien, nicht aus Innsbruck und schon gar nicht aus irgendeiner österreichischen Institution. Sie kam aus einem Zürcher DIY-Fanzine namens „No Fun", herausgegeben von Peter Wittwer und Martin Byland. Darin stand ein Satz aus einer englischen Punk-Zeitschrift: „Buy a guitar, learn a C, learn a D, learn a E and join a band."
Das taten sie. Sie hatten einen Verstärker. Über diesen Verstärker gingen Bass, Gitarre und Gesang gleichzeitig. Nach zwei Wochen sagten sie: Wir sind fit für das erste Konzert. Und spielten es im Graf Hugo.
Die Band hieß Chaos. Sie waren — vermutlich — die erste Punkband Österreichs, die einen eigenen Vinyl-Tonträger veröffentlichte. Ihre 12"-Split-EP von 1979, gemeinsam mit der Schweizer Band The Sick, ist heute ein Sammlerstück.
Die Schweiz als Fluchtpunkt
Was an Chaos sofort auffällt: Ihre Szene war nicht österreichisch. Sie war schweizerisch. Die Band spielte in Zürich und St. Gallen, nicht in Wien oder Graz. Beim „Swiss Punk Now"-Festival im November 1979 in Emmenbrücke bei Luzern standen Chaos als einzige nicht-schweizerische Band auf der Bühne — neben Größen wie Glueams, Crazy und Kraft durch Freude.
Das ist kein Zufall. Vorarlberg liegt geographisch und kulturell näher an der Schweiz als am Rest Österreichs. Und in der Schweiz passierte ab 1980, was in Vorarlberg nie passiert ist: Demos, besetzte Häuser, Autonome Jugendzentren (AJZs). In St. Gallen entstanden Räume — die Grabenhalle, die Gasse —, in denen alternative Kultur nicht nur toleriert, sondern gelebt wurde. Orte, an denen junge Menschen experimentieren konnten, ohne sich rechtfertigen zu müssen.
Chy, Gründungsmitglied von Chaos, beschreibt das im Rückblick so: Diese Orte seien elementar wichtig gewesen, weil man dort alternative Kultur erleben und erfahren konnte wie nirgendwo anders. Das habe zur Ausbreitung von neuen Ideen geführt — ein Prozess, der die Schweizer Gesellschaft nachhaltig verändert habe. In Vorarlberg fehlten diese Räume. Es gab das Graf Hugo, den Spielboden in Dornbirn, vereinzelte Konzerte in alten Fabriken. Aber keine besetzten Häuser, keine autonomen Zentren, keine Infrastruktur für Gegenkultur.
Die Abneigung gegen Autoritäten — und die Nazi-Vergangenheit
Punk in Vorarlberg war nicht nur Musik. Es war eine Konfrontation mit der lokalen Realität. Chy erinnert sich: Die Abneigung gegenüber Autoritäten fing bei der eigenen Familie an, es folgten Arbeitsplatz, Ausbildung, Polizei, Behörden, Politiker, Pfaffen und natürlich das Militär. In Vorarlberg kam noch etwas dazu, das spezifisch war: die Nazi-Vergangenheit. Unter den Alten waren noch viele Faschos.
Das war keine abstrakte historische Aufarbeitung. Das waren die eigenen Nachbarn, Verwandten, Lehrer. In einem Land, das sich bis in die 1990er als „erstes Opfer" Hitlers verkaufte, war die Konfrontation mit diesem Erbe in einer kleinen Provinz besonders direkt — und besonders tabuisiert. Punk war die erste Jugendkultur in Vorarlberg, die dieses Tabu laut und öffentlich brach.
Nach Chaos: Die zweite und dritte Welle
Die Mitglieder von Chaos machten nach dem Ende der Band weiter — Galle bei Ex Chaos, Null Komma Nichts und Boyfriends, Franz und Chy bei der Post-Punk-Band Le Passepartout, später Chy bei Billion Bob und The Yeomen. Alle blieben in irgendeiner Form musikalisch aktiv, alle blieben in der Provinz. The Yeomen gaben genau vier Konzerte — drei in Dornbirn, eines in Hohenems, in einer alten Fabrik.
In den 1990ern kam aus dem Rheintal mit Social Genocide eines der härtesten Projekte des österreichischen Punkundergrounds: räudiger Crust Punk ohne Atempause. Ihre Texte — in rudimentärem Englisch — transportierten eine Wut, die sich nicht für akademische Formulierungen interessierte. Ebenfalls aus Vorarlberg: die Popnummern von Disconnected und die LP „Medeia Peri Medeia" von Kulta Dimentia (1994) — politischer Punk/Hardcore, der nach verklebten Bierresten und Zigarettenrauch roch.
Aber all das blieb episodisch. Einzelne Bands, einzelne Releases, einzelne Konzerte. Keine zusammenhängende Szene, keine Infrastruktur, kein Netzwerk, das über ein paar Jahre hinaus Bestand hatte.
Warum die Szene starb
Die ehrlichste Antwort kommt von Chy selbst. Er pendelt seit 45 Jahren zwischen St. Gallen und Vorarlberg und beobachtet: Die, die konnten, sind alle weg. Die, die geblieben sind, mussten sich mehrheitlich irgendwie anpassen — und merken es selbst nicht mal.
Das ist der Kern. Punk braucht drei Dinge, um als Szene zu überleben: Räume, Netzwerke und eine Gesellschaft, gegen die es sich zu rebellieren lohnt, die aber gleichzeitig genug Spielraum lässt, um nicht sofort zerdrückt zu werden.
In der Schweiz gab es alle drei. Die AJZs, die besetzten Häuser, die Jugendunruhen ab 1980 — sie schufen Räume, in denen Punk sich institutionalisieren konnte, ohne seine Energie zu verlieren. In Vorarlberg gab es die Gesellschaft, gegen die es sich lohnte — aber keine Räume und kein Netzwerk. Wer in Feldkirch oder Dornbirn gegen den Strom schwamm, stand allein. Wer es sich leisten konnte, ging nach St. Gallen, nach Zürich, nach Wien. Wer blieb, passte sich an.
Die Sozialpartnerschaft, die den ersten Artikel prägte, wirkt auch hier: In Österreich werden Konflikte internalisiert, nicht ausgetragen. Es gibt keinen kulturellen Raum für dauerhafte Gegenkultur, weil das System darauf ausgelegt ist, jeden Dissens zu absorbieren, bevor er sich verfestigen kann. Punk ist das Gegenteil von Konsens. In einem Land, das auf Konsens gebaut ist, hat er keine Überlebenschance als Bewegung — nur als Episode.
Der Spielboden und das Graf Hugo: Was blieb
Vereinzelte Orte haben überlebt. Der Spielboden in Dornbirn existiert noch immer und bietet gelegentlich Konzerte im härteren Bereich. Das Graf Hugo in Feldkirch, wo 1978 alles begann, ist noch aktiv. Aber sie sind Veranstaltungsorte, keine Szene-Zentren. Der Unterschied ist fundamental: Ein Veranstaltungsort bietet ein Programm. Ein Szene-Zentrum bietet einen Lebensraum. Das erste konsumiert man, das zweite gestaltet man mit.
In der Schweiz gibt es die Reitschule in Bern, die seit Jahrzehnten als autonomes Zentrum funktioniert. In St. Gallen die Grabenhalle. In Winterthur besetzte Häuser. Das sind nicht nur Konzertlocations — das sind Orte, an denen politische Diskussion, kulturelle Produktion und soziales Leben zusammenfließen. In Vorarlberg gibt es nichts Vergleichbares. Nie gegeben.
Die „demokratische Zeit"
Chy beschreibt die Punk-Jahre als eine „sehr demokratische Zeit" — eine Zeit, in der jeder Musik machen durfte, egal in welche Richtung. Das Zitat trifft den Punkt: Punk war nicht nur eine Musikrichtung, sondern eine Demokratisierung des kulturellen Ausdrucks. Du brauchst kein Konservatorium, keine Ausbildung, kein Geld, keine Erlaubnis. Du brauchst einen Verstärker und zwei Griffe. Die Berechtigung kommt nicht von einer Institution, sondern vom Tun.
Das ist exakt die Haltung, die in Österreich kulturell fehlt. Die Vorstellung, dass man etwas tun darf, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Dass man Raum einnehmen darf, ohne dass jemand diesen Raum „gewährt". Punk in Vorarlberg war der kurze Moment, in dem diese Haltung existierte — bevor sie von der kulturellen Schwerkraft des Ländles wieder eingefangen wurde.
Die Musikbox als Erbe
Dieser Artikelreihe begann mit jemandem, der mit einer Musikbox durch Feldkirch geht. Mittlere Lautstärke, kleine Rebellion. Im Rückblick über alle drei Teile schließt sich ein Kreis: In Frankreich ist Rebellion Bürgerpflicht, von der Straße bis in die Redaktionen. In Österreich ist sie eine Episode — ein paar Punks in Feldkirch, die zwei Wochen nach der Bandgründung auf der Bühne standen und dann von der Realität eingeholt wurden.
Aber die Episode ist nicht wertlos. Sie beweist, dass der Impuls existiert — auch in Vorarlberg, auch im Ländle, auch unter der Oberfläche von „was denken die Nachbarn". Chaos haben 1977 nicht gefragt, ob sie dürfen. Sie haben es gemacht. Dass die Szene nicht überlebte, liegt nicht an mangelndem Mut, sondern an mangelnden Räumen.
Vielleicht ist die Musikbox in Feldkirch kein Ersatz für eine Punk-Szene. Aber sie ist die gleiche Geste: Raum einnehmen, ohne um Erlaubnis zu fragen. In einem Land, das auf Erlaubnis aufgebaut ist, bleibt das — fast fünfzig Jahre nach Chaos — immer noch ein radikaler Akt.
Dieser Artikel ist der dritte und letzte Teil einer Reihe, die mit einer Musikbox in Feldkirch begann und bei der Frage endete, warum manche Gesellschaften rebellieren und andere nicht.
Quellen und weiterführende Links
Chaos und die Anfänge des Punk in Vorarlberg
- „Anarchy in the Ländle" – Chaos, die erste Punkband Vorarlbergs — FM4 / ORF
- „Ich habe Geld nie gehasst" – Interview mit Chy (Thomas Kessler) — skug Musikkultur
- Interview Yeomen — Ox Fanzine, Ausgabe #156
Punk/Hardcore-Geschichte in Österreich
- 20 Jahre SRA: Die letzten zwanzig Jahre Punk/Hardcore in Österreich — SR-Archiv
Swiss Punk und die Schweizer Verbindung
- Punk in der Schweiz — Wikipedia (deutsch)
Kontext: Rebellion und Kultur in Österreich
- Rebellion als Bürgerpflicht: Was Österreich von Frankreich lernen kann — [Teil 1 dieser Reihe]
- Wer kontrolliert die Kontrolleure? Rebellion und Medien in Frankreich und Österreich — [Teil 2 dieser Reihe]
Von René Jochum und Claude (Anthropic). Lizenz: CC-BY-4.0.