„Mein Doktor sagt, ich hab die krasseste Version der psychischen Diagnosen."
So sage ich das. Bipolar Typ 1, mit Psychosen. Ich sage das in der Bar, beim Kaffee, beim Spaziergang. Offen. Direkt. Seit Jahren.
Was dann passiert, ist fast immer dasselbe: Die Menschen fangen an zu reden. „Mein Bruder hat das auch." „Meine Tante war jahrelang in der Klinik." „Bei uns redet da halt keiner drüber." Manchmal wollen sie Last abladen. Manchmal wollen sie verstehen. Manchmal beides.
85 Prozent der Menschen mit bipolarer Diagnose sagen laut einer Bipolar-UK-Erhebung von 2025, dass Stigma dazu geführt hat, dass sie weniger von sich selbst halten. Expert:innen in Österreich nennen Stigma deshalb die „zweite Erkrankung." Aber die erste Mauer steht meistens innen — Selbststigma. Angelika Klug, Vorsitzende der HPE Österreich, sagt es klar: Das größte Anliegen ist, dass Betroffene und Angehörige aufhören, sich selbst abzuwerten, weil eine psychische Erkrankung in der Familie ist.
Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen. Mit Offenheit. Mit meiner Geschichte.
Was in Familien wirklich vererbt wird
Lange habe ich geglaubt, psychische Erkrankungen „passieren" halt einfach. Die Forschung zeichnet ein klareres Bild.
Die größte genetische Studie zu Bipolar (Psychiatric Genomics Consortium, publiziert in Nature, Januar 2025) hat das Erbgut von über 2,9 Millionen Menschen verglichen. Ergebnis: 298 Regionen im Genom erhöhen das Risiko für eine bipolare Störung. Der genetische Anteil am Erkrankungsrisiko liegt bei 60 bis 80 Prozent. Es gibt also eine massive biologische Komponente — aber es sind hunderte kleine Varianten, die jeder Mensch in sich trägt. Ob daraus eine Erkrankung wird, hängt auch von den Lebensbedingungen ab: Stress, Trauma, Verlust, die Qualität der Bindungen in der Kindheit.
Was vererbt wird, ist eine Verletzlichkeit. Und dazu kommt, was Familien weitergeben — oft unbewusst, oft ungewollt.
Die Neurowissenschaftlerin Rachel Yehuda (Icahn School of Medicine, Mount Sinai) hat 2018 in World Psychiatry beschrieben, wie traumatisches Erleben sich über Generationen hinweg auswirken kann — über epigenetische Mechanismen, über Bindungsmuster, über das, was in Familien erzählt und verschwiegen wird. Die transgenerationale Weitergabe ist mittlerweile ein breit erforschtes Phänomen: Traumatisierte Eltern können ihren Kindern oft genau die Geborgenheit und Sicherheit schwer geben, die sie selbst am meisten gebraucht hätten.
Die meisten haben das Beste gegeben, was sie konnten. Das verdient Respekt.
Das Schweigen als Gesellschaftsprojekt
In vielen Familien gibt es psychische Erkrankungen auf beiden Seiten, über Generationen hinweg. Depressionen, Psychosen, Sucht. Das weiß man — irgendwie. Aber darüber gesprochen wird selten.
Das ist mehr als ein Familienproblem. Diese Gesellschaft hat das Schweigen trainiert.
In Österreich kommt eine besondere Schicht dazu. Die Plattform kriegsenkel.at — die erste österreichische Plattform für Kriegsenkel — benennt ein Tabuthema: die transgenerationalen seelischen Folgen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Die Kriegskinder (geboren 1930–1945) haben gelernt, ihre Gefühle unter Verschluss zu halten. Acht bis zehn Prozent dieser Generation leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen — viele davon ein Leben lang unerkannt. Die Kriegsenkel (geboren 1955–1975) wuchsen mit Eltern auf, die alle Gefühle unterdrückten, die eine enorme Lebensangst hatten und ihren Kindern dadurch unnahbar blieben.
Kriegsenkel.at stellt fest: Das Thema kommt in Österreich erst langsam ins gesellschaftliche Bewusstsein. Und sie benennen, was in vielen österreichischen Familien bis heute unausgesprochen bleibt: Mitläufertum, Täterschaft, und das Leid, das daraus für alle Seiten folgte.
Die Scham darüber wurde zum gesellschaftlichen Projekt. Die Großeltern haben geschwiegen, also schweigen die Eltern. Die Eltern haben geschwiegen, also glauben die Kinder: Darüber redet man halt einfach so. Das österreichische Gesundheitsministerium (GÖG, 2023) beschreibt Selbststigmatisierung als eines der größten Hindernisse für Heilung. Früh erworbene Bewertungen sitzen tief — und verändern sich erst, wenn jemand den Mund aufmacht.
Ein Satz aus der SRF-Forschungsdokumentation zur transgenerationalen Weitergabe fasst es zusammen: „Es ist ein großer Trugschluss anzunehmen, dass Schweigen die nächste Generation schützt."
Sprechen schützt. Schweigen gibt weiter.
Wenn Kinder die Eltern tragen
Die DGBS (Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen) beschreibt, was passiert, wenn Eltern psychisch erkrankt sind und Kinder das Verhalten beobachten, ohne es einordnen zu können: Die Kinder vermuten, dass das Elternteil wütend oder traurig ist, weil sie selbst etwas falsch gemacht haben. Es kommt zur sogenannten Parentifizierung — die Kinder übernehmen eine Rolle, die ihnen Verantwortung gibt, die sie aber gleichzeitig überfordert.
Die DGBS schreibt: Mit einer aktiven Krankheitsverarbeitung und offener Kommunikation in der Familie kann dem Tabu über die elterliche Erkrankung und den Loyalitätskonflikten der Kinder entgegengewirkt werden. Mit Schulkindern sollten Möglichkeiten zum Umgang mit stigmatisierenden Verhaltensweisen anderer erarbeitet werden.
Das ist der Kern. Reden. Benennen. Einordnen. Für die Kinder. Für die Eltern. Für alle.
Was Offenheit auslöst
Dr. Gabriele Schöck, selbst bipolar betroffene Ärztin und Leiterin des DGBS-Referats „Selbst Betroffene Profis", schreibt über Scham: Der „Deckel" über der schamhaften Verschwiegenheit blockiert die Selbstakzeptanz und damit die Heilung. Scham ist veränderbar — aber im Kontakt mit anderen. In der Gruppe, so beschreibt sie es, bewegen sich die Teilnehmer:innen in „kollektiver Nacktheit" — und plötzlich zeigt sich, dass die Schamgeschichten zur Krankengeschichte gehören, und weniger zur Person.
Die DGBS beschreibt die Erfahrung vieler Betroffener beim Outing: In den meisten Fällen, wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt, hört man „Ach ja, mein Bruder / meine Nichte / ein Freund hat das auch." Die Welt ist voller Menschen, die mit psychischer Erkrankung leben — in der eigenen Familie, im Freundeskreis, in sich selbst. Darüber geredet wird selten.
Ich erlebe das ständig. Wenn ich offen sage, was ich habe, geht ein Tor auf. Manchmal aus Neugierde, manchmal aus Mitgefühl, manchmal weil jemand endlich einen Raum findet, in dem die eigene Geschichte Platz hat.
Offenheit hat auch Schattenseiten
Das muss gesagt werden: Offenheit ist kein Allheilmittel. Und sie kann Stigma auch verstärken.
Es gibt Menschen, die ab dem Moment des Outings alles durch die Diagnose-Brille lesen. Du bist wütend — „der ist bipolar." Du bist begeistert — „der ist manisch." Du hast eine Meinung — „der kann ja nichts dafür." Die Diagnose wird zum Filter, durch den alles läuft, und der Mensch dahinter verschwindet.
Es gibt die Ausrede — meine eigene, ehrlich gesagt. Momente in denen die Diagnose als Erklärung herhalten muss für Verhalten, das einfach Verantwortung bräuchte. Und es gibt das Gegenüber, das einen schont, weil es denkt: „Besser wir fordern den nicht heraus." Beides ist Stigma. Nur eben von innen statt von außen.
Und es gibt die projizierte Brille. Ich war jahrelang überzeugt, Familie, Arbeitskollegen und Freunde sehen mich durch die Diagnose. Ich habe angenommen, sie reduzieren mich darauf. Bis ich nachgefragt habe. Die Antwort war: „Wir kennen dich wie wir dich kennen, inklusive deinen Ticks. Das ist ok so."
Das Stigma war meins. Ich hatte es diesen Menschen in die Schuhe geschoben.
Offenheit ohne Verantwortung kann Stigma verstärken statt abbauen. Ich habe lange in der Opferrolle gesteckt — die Diagnose als Identität, als Erklärung für alles, als Schutzschild. Der Weg daraus war Erfahrung, Stück für Stück. Heute stehe ich bei ungefähr acht von zehn auf der Skala zwischen Opfer und Verantwortung. Ich glaube, das Ziel ist weder das eine noch das andere. Das Ziel ist die Mitte. Frieden.
Was wir gemeinsam tun können
In Österreich gibt es Strukturen für diese Arbeit. Die HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter) bietet Beratung, Selbsthilfegruppen und das Projekt „veRRückter Kindheit" für Kinder psychisch erkrankter Eltern. Der Verein omnibus in Bregenz ist eine Plattform von und für Menschen auf dem Weg zur seelischen Gesundung — mit Peer-Beratung auf Augenhöhe. Die Kompetenzgruppe Entstigmatisierung des österreichischen Gesundheitsministeriums hat 2025 über 100 Empfehlungen vorgelegt.
Und dann gibt es das Einfachste und Schwerste gleichzeitig: Darüber reden. Im Familienkreis. Beim Kaffee. In der Bar. Am Küchentisch. Mit den eigenen Kindern, altersgerecht und ehrlich.
Wir sind das Ergebnis von Geschichte — und jedes Gespräch darüber schreibt diese Geschichte weiter.
Von René Jochum und Claude (Anthropic). Lizenz: CC-BY-4.0.