Warum ich KI-Musik mache – Ein handgeschriebenes Notizbuch neben Kopfhörern und einem Cello im warmen Abendlicht

Warum ich KI-Musik mache

Ich spiele gleich am Anfang mit offenen Karten: Ich kann nicht singen, ich spiele kein Cello, und wenn ich selbst zur Gitarre greife, reicht es bestenfalls dazu, die Nachbarn in die Flucht zu schlagen. Trotzdem habe ich in den letzten Wochen zwei komplette Musik-Alben gemacht. Und ich habe nicht vor, so zu tun, als stünde dafür eine echte Band in meinem Keller. Die Texte entstehen im engen Ping-Pong mit Sprachmodellen, die Musik und die Stimmen sind ebenfalls generiert. ...

Die richtige Leitplanke – Eine kurvige Bergstraße mit Leitplanken im Morgenlicht, die sicheren Halt geben und den Weg in die Weite öffnen

Die richtige Leitplanke

Früher habe ich das Chaos verehrt. Dahinter steckte ein rebellisches „Frei-Sein-Wollen“: Für mich war Unordnung gleichbedeutend mit Lebendigkeit und einem unangepassten Geist. Struktur, feste Zeiten und Regeln fühlten sich für mich lange wie ein Gefängnis an, das einem die Spontaneität und die Luft zum Atmen nimmt. Doch Chaos macht unfrei. Es hat Jahre gedauert, bis ich das für mich wirklich begriffen habe. Und ehrlich gesagt ist dieser langsame Übergang vom Chaos zur Ordnung bis heute nicht einfach abgeschlossen. Ich muss mir selbst immer wieder neu beweisen, dass Struktur mir nichts wegnimmt, sondern mir im Gegenteil wirklich guttut. ...

Das Leid nach dem Leid – Aufmerksame Mitmenschen auf einer abendlichen Straße nach dem Regen, die im warmen Licht einer Laterne schützend und respektvoll beieinanderstehen, während sich der Himmel am Horizont aufhellt

Das Leid nach dem Leid

Wer mag, der hört: MiBi @ Suno - Leid nach dem Leid Auf der Psychiatrie – und auch draußen im Alltag, wenn man wirklich hinhört – begegnet man vielen Geschichten von ungehörten Menschen. Es sind Geschichten, die schon im Kleinen anfangen, beim Angrabschen, bei obszönen Sprüchen oder beim Nachstellen, und die bis zu schwerer körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt reichen. Doch fast immer besteht der Schmerz nicht nur aus der Tat selbst. Mindestens genauso schwer wiegt das, was danach kommt: das Leid nach dem Leid. ...

Politik · 4. November 2026 · 4 Minuten · René Jochum
Der Wert einer Selbsthilfegruppe – Ein Kreis von Menschen sitzt im warmen Abendlicht ruhig und auf Augenhöhe zusammen

Der Wert einer Selbsthilfegruppe

Die meisten stellen sich unter einer Selbsthilfegruppe einen Ort für den absoluten Notfall vor – und gehen erst hin, wenn gar nichts mehr geht. Meine Erfahrung mit meiner bipolaren Erkrankung ist eine andere: Eine Selbsthilfegruppe sollte man in allen Lebenslagen besuchen – außer in akuten Krisen. Eine Gruppe ist kein Ersatz für eine Therapie. Und wer mitten in einer akuten Krise steckt, braucht Ruhe, Schutz und professionelle Hilfe – Arzt, Krisendienst oder Klinik. Da ist eine Gruppe der falsche Ort. Für einen selbst und für die anderen im Raum. ...

Der Mut für die Leichtigkeit – Ein kräftiger Mann gleitet frei und entspannt im warmen Sonnenlicht oben auf einer weiten Meereswoge

Der Mut für die Leichtigkeit

Es war einmal ein großer Mann auf dem Meer. Einer mit breiten Schultern und einem eigenen Kopf, der im Leben schon manchen Sturm überstanden hatte. Vor dem Absaufen fürchtete er sich nicht. Im dunklen Wellental kannte er sich aus – dort unten im Schatten wusste er, wie man durchhält. Was ihm fremd war, war das Licht ganz oben auf dem Kamm. Er kannte nichts anderes. Jedes Mal, wenn eine große, leuchtende Welle ihn nach oben ins Freie heben wollte, spannte sich sein ganzer Körper an. Mit all seiner Kraft drückte er dagegen, machte sich schwer und zog sich selbst zurück ins graue Wasser. Er kämpfte gegen den eigenen Aufstieg, nur um dort unten zu bleiben, wo ihm alles vertraut war. ...

Urvertrauen – ٱلرَّحْمَـٰنُ (Ar-Raḥmān) – Stille im Gebetsraum einer Moschee vor dem holzgeschnitzten Mihrab

Urvertrauen – ٱلرَّحْمَـٰنُ (Ar-Raḥmān)

Wer mag, der hört beim Lesen: Man kann über Vertrauen tausend Bücher lesen, darüber diskutieren oder versuchen, es sich im Kopf vernünftig zurechtzulegen. Im Alltag sind wir es gewohnt, in Sicherheiten, Logik und Kontrolle zu denken. Wir bauen uns Schutzmauern auf, damit das Leben berechenbar bleibt. Aber was Urvertrauen wirklich bedeutet, begreift man nicht durch Nachdenken. Man begreift es erst in dem Moment, in dem alle gewohnten Rollen und Sicherheiten einmal komplett wegfallen. ...

Die Angst vor der Stille – Eine rote Holzbank mit einem angelehnten Mountainbike unter einem Baum auf einer Anhöhe, dahinter ein weites Bergpanorama unter blauem Himmel

Die Angst vor der Stille

Viele Menschen glauben, sie hätten einfach nur gern Trubel um sich. Sie lassen den Fernseher nebenbei laufen, greifen in jeder freien Sekunde zum Handy, stürzen sich in Arbeit oder suchen den nächsten Reiz. Ich kenne das von mir selbst. Lange war das keine Lust am Leben – es war die Flucht vor der Stille. Denn sobald um mich herum das letzte Geräusch wegfällt und ich einfach nichts tue, stehe ich plötzlich vor einem Berg. Unten im Lärm des Tals konnte ich mir noch aus dem Weg gehen. Aber hier, am Fuß der Stille, gibt es kein Entrinnen mehr. Es bleibt nur das „Ich“ übrig. Ungeschönt, ohne Ablenkung, ohne Rolle, ohne Ausreden. Nur ich und die Stimmen in meinem Kopf. ...

Eine ältere Frau am Küchentisch streicht mit rauen Händen über das Tischtuch, während warmes Licht durch das Fenster fällt

Das Gewicht von „Zfrieda muss ma si“

Es war einmal eine ältere Dame, die ihrer Umgebung immer wieder dieselben vier Worte mitgab: „Zfrieda muss ma si.“ Wenn die Jungen am Küchentisch saßen und darüber klagten, was alles fehlte, was der Nachbar Neues hatte oder wie ungerecht die Welt war, strich sie mit ihren rauen Händen langsam über das Tischtuch, lächelte leise und sagte diesen Satz. Für viele klang es wie ein einfacher Spruch alter Leute. Wie etwas, das man leicht dahinsagt, wenn man in einer warmen Stube sitzt und das Gröbste hinter sich hat. ...

Gesellschaft · 1. November 2026 · 2 Minuten · René Jochum
Der Himmel kann warten – Ein einzelner Baum auf einer weiten grünen Wiese vor den Vorarlberger Bergen und einem strahlend blauen Himmel

Der Himmel kann warten

Wer mag, der hört: Es gibt dieses eine Lied der Onkelz, das auf vielen Beerdigungen läuft: „Nur die Besten sterben jung.“ Wenn man an einem Grab steht und nicht begreifen kann, warum jemand viel zu früh fehlt, ist dieser Satz ein Pflaster für die Seele. Aber für die Lebenden, für die Jungs von morgen, taugt er nicht als Kompass. Für die Lebenden brauchen wir ein anderes Lied derselben Band: „Der Himmel kann warten.“ ...

Braucht es ein Dorf? – Ein hölzernes Longboard in einer warm beleuchteten Nachbarschaftsstraße im Abendlicht

Braucht es ein Dorf?

Vor ein paar Tagen war ich draußen mit dem Longboard unterwegs. In der Nachbarschaft wohnt ein Kind, mit dem ich inzwischen öfter ein paar Runden drehe. Als wir uns heute wieder begegnet sind, kam zur Begrüßung nicht einfach nur ein „Hallo“. Es sah mich an und sagte ganz selbstverständlich: „Ich habe dich vermisst.“ Ein kleiner Satz, ehrlich und ungefiltert. Ich bin in dem Moment kein Pädagoge und mache nichts Besonderes – ich fahre einfach nur mein Board. Und trotzdem hat dieser eine Satz meinen ganzen Tag heller gemacht. Er holt einen sofort ins Hier und Jetzt. ...

Gesellschaft · 31. Oktober 2026 · 3 Minuten · René Jochum